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FVCML0208 10
Beatrix W. berichtet aus Hammeln PDF Drucken E-Mail
"Dies ist die wahre Geschichte einer Menschenjagd im 21. Jahrhundert. Sie findet weder in Afrika noch in Südamerika statt, nicht in China oder Nord-Korea, sondern hier bei uns in Deutschland. Die Geschichte begann vor mehr als sieben Jahren in Berlin und hat bis heute - August 2011 - in der Rattenfängerstadt Hameln noch immer kein Ende gefunden."
Beatrix W.

Der Umzug

Die Zweizimmerwohnung in Berlin kostete mich 2500 Euro Einstand, dann war ich eine eingetragene Genossin und verpackte meine alte Wohnung in Umzugskartons. Auf in ein neues Leben. Drittes Obergeschoss, Balkon zur Hauptverkehrsstraße, die Antenne eines Amateurfunkers auf dem Dach direkt über der neuen Wohnung, mein Gott, man lebte eben in Berlin und schöne und erschwingliche Wohnungen waren rar. Ich renovierte, ich kaufte preiswerte Self-Made-Möbel bei Ikea, ich stellte meinen selbst zusammengehämmerten Schreibtisch mit Blick aufs Hinterhofgrün direkt vors Fenster. Schlafzimmer, Wohnzimmer, große Küche, gekacheltes Bad - die dicken Kabel, die von der langen Funkantenne auf dem Dach direkt vor dem Küchenfenster baumelten, übersah ich geflissentlich. Die Antenne gehörte Funkamateur K. im Erdgeschoss, einem blinden Mann um die fünfundzwanzig, dem ich wohl kaum begreiflich machen konnte, wieso mich der Anblick von drei Kabeln störte.
Außerdem hatte ich andere Sorgen. Ich war in jenem Jahr arbeitslos, und der Umzug hatte meine dürftigen Ersparnisse bis auf den letzten Cent aufgefressen. An Beschäftigung hingegen mangelte es mir trotz Arbeitslosigkeit nicht. Ich schrieb an meinem ersten Buchmanuskript. Ich hatte bereits mehrfach in Anthologien veröffentlicht und pflegte trotz meines fortgeschrittenen Alters von fünfundvierzig Jahren die Vorstellung, eines Tages mein täglich Brot als selbständige Schriftstellerin
zu verdienen. Und warum auch nicht? Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Ich schrieb Krimis. Dass ich selbst plötzlich die Hauptperson in einem Krimi werden würde, fiel mir in meinen kühnsten Träumen nicht ein. Die Kopfschmerzen und die Schlaflosigkeit stellten sich erst drei Wochen nach meinem Einzug ein, dann allerdings völlig unvermittelt von einem Tag zum anderen. Nachts zerwühlte ich, auf der Suche nach einer Mütze Schlaf, verzweifelt mein Bett, tagsüber quälten mich bohrende Kopfschmerzen und, von Zeit zu Zeit, so heftige Ohrenschmerzen, dass ich zusammenzuckte. Ernsthafte Sorgen begann ich mir zu machen, als ich es immer seltener schaffte, meinen Flur zwischen Bad und Küche hinunterzugehen, ohne rechts oder links die Wände zu streifen. Über Nacht war mir offenbar mein Gleichgewicht abhanden gekommen, dafür kämpfte ich morgens und bei Einsetzen der bohrenden Kopfschmerzen gegen plötzliche Übelkeit an. Wollte ich lesen, verschwammen die Buchstaben vor meinen Augen. Nach Wochen stillen Leidens und dem Nachschlagen in einschlägigen medizinischen Werken kam ich zu dem Schluss, ernsthaft erkrankt zu sein.
Gehirntumor, was sonst?, dachte ich und schwankte den Flur hinunter. Sag Tschüß zum Leben!
Da ich Ärzten gegenüber ein gesundes Misstrauen hegte, konzentrierte ich mich verbissen aufs Schreiben und versuchte Kopfschmerzen und Übelkeit zu verdrängen. Wenn ich schon demnächst sterben musste, wollte ich doch wenigstens meinen zukünftigen Bestseller (einschließlich des letzten Kapitels) mit ins Grab nehmen.
Ich ignorierte die blauen Flecken an meinen Armen und die gräulichen Flecken dort an der Flurtapete, wo sie und ich aneinander rempelten. Ich ignorierte, nachts senkrecht im Bett zu sitzen, kribbelig vom Scheitel bis zur Sohle. Ich trank literweise Schlaf- und Nerventees. Einzuschlafen halfen sie mir nicht, dafür schwankte ich doppelt so oft aufs Klo, und meine blauen Flecken vermehrten sich. "Gehirntumor, Quatsch", behaupteten die Mitglieder meiner Familie mit enervierender Hartnäckigkeit. "Du bist arbeitslos, du hast Geldsorgen - ergo ist alles psychisch. Geh unter die Leute, betätigte dich sportlich."
Ich trat dem Sportverein bei und hüpfte zweimal die Woche mit wirbelnden Armen und Beinen auf einem Step herum, während mich die Aerobic-Trainerin anbrüllte, weil alle anderen in der Gruppe in einem anderen Takt hüpften und wirbelten. Ich stieg von der U-Bahn aufs Fahrrad um, im Winter drehte ich an den Wochenenden auf Schlittschuhen meine Runden. Das Resultat meiner körperlichen Verausgabung stellte sich rasch ein: ich fiel abends groggy ins Bett und ratzte weg. Dummerweise wachte ich nach einer Stunde wieder auf und saß den Rest der Nacht senkrecht auf dem Laken, kribbelig vom Scheitel bis zu den Sohlen.
Eines Morgens quälte ich mich stöhnend von meinem Leidenslager, doch statt der gefühlten Uhrzeit von 7 Uhr morgens zeigte meine Funkuhr 14 Uhr nachmittags an. Wow, dachte ich, du musst im Morgengrauen wohl doch noch weggeduselt sein. Prima, weiter so!
Ich rief die Arztpraxis an, bei der ich mich für den Tag wegen meiner Schlaf-, Seh- und sonstigen Probleme notgedrungen nun doch angemeldet hatte und entschuldigte mich halbherzig für mein Verschlafen. "Wieso?", fragte die Sprechstundenhilfe erstaunt. "Ihr Termin ist um halb zehn. Das schaffen Sie locker. Es ist man gerade erst viertel vor acht."
Ich startete die Funkuhr neu, wechselte die Batterien und siehe da: es war viertel vor acht. Doch sollte dieser Vorfall kein Einzelfall bleiben. In den nächsten Wochen verpasste ich mehrere Termine, weil meine Funkuhr offenbar ein Nachtleben führte, von dem ich nichts mitbekam. Mit nervenaufreibender Hartnäckigkeit weigerte sie sich immer öfter, mir morgens die mitteleuropäische Zeit anzuzeigen. Ich schlug im Atlas die Seite mit den Zeitzonen auf. Statt auf 7 Uhr morgens MEZ stand meine Funkuhr auf 14 Uhr westaustralischer Zeit oder auf 1 Uhr nachts New Yorker Zeit. Im Laufe der nächsten Wochen hüpfte sie zwischen Deutschland, Saudi-Arabien, Kanada, Madagaskar und China wahllos hin und her.
Des Rätsels Lösung war einfach: im Erdgeschoss wohnte ein Funkamateur, der die Funkantenne direkt über meiner Küche bediente, und meine Uhr war eine Funkuhr. Sie empfing ganz einfach von der falschen Antenne das falsche Signal. Ich kaufte mir einen herkömmlichen Wecker.
In der gleichen Zeitspanne bekam ich arge Probleme mit meinen Zahnnerven, die über Stunden hinweg aufs heftigste zuckten. Während sich der Zahnarzt noch ratlos am Kopf krazte, starben mir nacheinander zwei Zähne ab. Alarmiert bewilligte mir ein Hals-, Nasen-, Ohrenarzt nun doch eine Computertomographie. Das Resultat ließ mich die Arztpraxis mit gemischten Gefühlen verlassen, auch wenn die Erleichterung überwog. Kein Kopftumor, doch leider blieb den Ärzten und mir die Ursache meiner Symptome weiterhin ein Rätsel. Ich lief noch immer gegen Wände und wusste nicht warum.
Irgend wann jedoch fiel mir plötzlich auf, dass all meine Beschwerden abrupt endeten, sowie ich meine Wohnung verließ. Keine Kopfschmerzen, keine zuckenden Zahnnerven, keine Übelkeit, keine Sehstörungen, dafür traumlose Tiefschlafs, sobald ich in der Wohnung von Bekannten nächtigte.
Menschen sind wahrscheinlich im Gegensatz zur Tierwelt physiologisch wohl eher Fehlkonstruktionen und vielleicht, im Vergleich aller Lebewesen im Gesamtuniversum nicht besonders helle. Jedenfalls dämmerte mir erst nach den Zeitsprüngen meiner Funkuhr und nach der Erkenntnis, dass sich all meine Beschwerden in der freien Natur oder in fremden Wohnungen in Luft auflösten. Mir kam die vage Idee, etwas von meinen Krankheitsbildern könnte womöglich mit der Funkantenne über meinem Kopf und den ungeschützten Kabeln vor meinem Küchenfenster zusammenhängen.
Ich erinnerte mich dunkel an den Physikunterricht. Bauten sich nicht um stromgespeiste Anlagen elektromagnetische Felder auf, die sich ausdehnten oder schrumpften, je nachdem, wie hoch die Leistung der fraglichen Anlage war? Sandte und empfing nicht eine Funkantenne Strahlung unterschiedlicher Wellenlängen, die dieses Feld speisten? Konnte es nicht sein, dass im Überschneidungsbereich beider elektromagnetischer Felder, dem von der Antenne und dem von den Kabeln, der menschliche Körper sein Gleichgewicht verlor und gegen die Flurwände krachte? Wenn der Funkamateur im Erdgeschoss nächtlings bis Australien oder Amerika Grüße versandte und empfing, musste da nicht die Leistung der Antenne schon groß sein? "Sofort umziehen, aber dalli!", forderte eine Freundin resolut, nachdem ich ihr meine Vermutungen anvertraut hatte. "Und wovon?", fragte ich zurück und stülpte mein leeres Portemonnaie um.
Ich war nach wie vor arbeitslos, und Ruhm und Reichtum als Schriftstellerin hatten sich ebenfalls noch nicht eingestellt. "Dann wehr dich!", erwiderte die Freundin.
Erst einmal wählte ich den menschlichsten aller Wege: ich floh. Zumindest tagsüber entkam ich Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Zähneabsterben und Gegen-Wände-Laufen, indem ich mir meinen Laptop unter den Arm klemmte und mir zwischen neun Uhr morgens und neun Uhr abends einen Arbeitsplatz in der Staatsbibliothek am Potsdamer Platz erkämpfte.
An die Schlaflosigkeit gewöhnte ich mich in dem Maße, in dem man sich an Folter gewöhnt: gar nicht. Ich wurde zum wandelnden Zombie, und wenn ich morgens am Küchentisch frühstückte, und sich die dicken
Kabel vor dem Fenster im Wind bewegten, klappte in meinen unruhigen Händen eine imaginäre Heckenschere auf und zu.

Die Antenne

"Sprich mit ihm!", forderte Uwes Tantchen. "Man kann mit jedem Menschen reden." In diesem Fall nicht. Funkamateur K. beschied mich, umzuziehen, sollte ich Schwierigkeiten haben, und knallte die Tür seiner Wohnung im Erdgeschoss zu. Okay, dachte ich. Blind hin oder her, wenn er dir nicht zuhören will, kriegt er's eben schriftlich. Was den Vorteil hatte, dass ihm irgend ein Jemand den Brief vorlesen musste. Damit aber wurde ein Dritter über mein Leiden informiert und würde - hoffentlich - dem Funkamateur ins Funkergewissen reden.
Mittlerweile recherchierte ich im Internet. Funkamateure basteln gern, Funkamateure sind innovativ, und die meisten von ihnen reisen auf ihren Funkwellen so weit es nur geht. Bekommen sie Kontakt zu anderen Funkamateuren, wo auch immer, tauschen sie so etwas wie Grußkarten mit ihren Rufnummern aus. Weiterhin gibt es Wettbewerbe, wer die meisten Kontakte auf welcher Wellenlänge hat oder wer am weitesten gefunkt hat. Und man kann (wie auch immer) Diplome wie z.B. das Hexendiplom etc machen. Ein schönes, harmloses Hobby an und für sich, das der Völkerverständigung dienen sollte.
Aber es gibt auch Gesetze. Eins davon betrifft die Elektromagnetische Verträglichkeit von Funkanlagen. Es gibt Grenzwerte der Ein- und Ausgangsleistungen einer Antennenanlage bzw. Sicherheitsabstände, die bei bestimmten Leistungen zu den Nachbarn eingehalten werden müssen. Je nach Wellenlänge sind sie unterschiedlich groß bzw. klein. Ha, dachte ich. Damit die Nachbarn schlafen können, keine Kopfschmerzen haben und nicht gegen Wände rennen.
Ich hatte von technischen Dingen wenig Ahnung, ergo waren für mich die Formeln zur Errechnung der Sicherheitsabstände aufgrund der Ein- oder Ausgangsleistung einer Antenne böhmische Dörfer. Funkamateur K. aus dem Erdgeschoss reagierte auf meinen ersten Brief nur insofern, als meine Kopfschmerzen zunahmen und sich das Kribbeln verstärkte. Also forderte ich ihn in einem zweiten Versuch auf, seine Antenne von der zuständigen Behörde, welche auch immer das war, überprüfen zu lassen. Diesmal schickte ich ein Einschreiben.
Nach diesem zweiten Versuch der Kommunikation per Post dramatisierte sich meine Lage deutlich. Es war nicht mehr nur so, dass sich meine Funkuhr verstellte, ich nicht mehr schlafen konnte, Kopfschmerzen und Angst um meine Zähne hatte, mich Übelkeit und Schwindel überfielen und ich noch immer gegen meine Flurwände prallte. Das nächtliche Kribbeln wich urplötzlich einem scharfen Prickeln am ganzen Körper, das mich verdächtig an die Reizstromtherapie erinnerte, die mir Wochen zuvor wegen einer Entzündung der Achillessehne am Fuß verschrieben worden war. Vielleicht glaubte der Funkamateur, für eine bessere Durchblutung meiner Haut sorgen zu müssen, doch ich wollte keine besser durchblutete Haut, ich wollte endlich mal wieder schlafen.
Ich fuhr zu Conrad, dem Elektronikfachhandel in der Hasenheide, und kaufte nach fachmännischer Beratung ein Trifieldmeter, ein Gerät, das elektromagnetische Felder nach Feldstärke und Frequenz misst. Die Messergebnisse werden in einen Indexwert für das mögliche Gesundheitsrisiko durch Elektrosmog umgerechnet. Es gibt eine gepunktete rote Markierung (signifikante Belastung) und eine durchgezogene Linie: Aufenthaltsdauer im betroffenen Bereich so kurz wie möglich halten.
Meine Küche - über ihr die Antenne, vor dem Fenster die Kabel - befand sich komplett im durchgezogenen Bereich, Wohn- und Schlafzimmer waren gestrichelt. Zu gut deutsch hieß das: halte dich in der Küche, wenn überhaupt, so kurz wie möglich auf. Im Rest meiner Wohnung durfte ich mich immerhin stundenweise aufhalten. Das Ergebnis war allerdings angesichts all meiner Beschwerden kein unerwartet großer Schock mehr, lediglich eine Bestätigung des gefühlten Zustands.
Ich informierte die Genossenschaft mithilfe einer Wochentabelle der Messwerte. Sie reagierte prompt und schickte zwei Ingenieure vorbei, die das Trifieldmeter testeten, für gut befanden und nach einem Probedurchlauf erstaunt feststellten, im unmittelbaren Umkreis meiner Wohnung werde tatsächlich gefunkt und zwar tüchtig.
Meine Schwierigkeiten wundere ihn nicht, beschied mir Ingenieur Nummer eins, während sich Nummer zwei beeilte, mir die technischen Details nachzuliefern: Es handele sich zu allem Überfluss auch noch um die Überschneidung zweier elektromagnetischer Felder. Da sei das Feld von der Antennenanlage an sich, was sich von oben auf meine Wohnung ausdehne. Schließlich befände sich die Unterkante der Anlage keine zwei Meter über meinem Kopf. Und da sei zweitens das elektromagnetische Feld, das von den drei dicken Kabeln abstrahlte, die vor meinem Küchenfenster harmlos im Wind schaukelten und bis ins Erdgeschoss hinunterreichten. Im Überschneidungsbereich beider Felder aber verlöre ich wohl das Gleichgewicht. Außerdem handele es sich bei der zu überprüfenden Anlage um eine ausgesprochen leistungsfähige Funkanalage, die zudem direkt auf dem Dach aufsitze. Kein Abstandshalter, kein Nichts.
Als ob ich das nicht schon selbst gewusst hatte. Aber ich war Frau, ich war blond, also lächelte ich dümmlich und fragte: "Und nun?".
Sie zuckten die Achseln, versprachen sich wieder zu melden und entschwanden.
Wochenlang passierte nichts! Erst nachdem ich dem Vorstandsvorsitzenden der Genossenschaft zwei Einschreiben schickte und, am Ende meiner Kräfte, damit drohte, an die Öffentlichkeit zu gehen, erschien er höchstpersönlich in meiner Wohnung, flankiert von den beiden, mir wohlbekannten Ingenieuren. Hey, dachte ich und lächelte den Beiden zu. Deine Rückendeckung ist da!
Pustekuchen. Die beiden Ingenieure litten im Beisein des Vorstandsvorsitzenden ganz plötzlich an akutem Gedächtnisschwund. Messungen? Wir? Aber nicht doch. Und überhaupt tauge dieses Trifieldmeter gar nichts.
"Und sehen Sie, Frau M.", triumphierte der Vorstandsvorsitzende. das Messgerät in der Hand. "Es zeigt überhaupt nichts an." Das stimmte, wie ich zähneknirschend zugeben musste. An diesem Tag, zur speziellen Stunde meines hohen Besuchs, war die Antenne ausgestellt. Kein Funken, kein Ganzkörperprickeln, keine jaulenden Zahnnerven, keine Kopfschmerzen, kein Ausschlag auf dem Trifieldmeter, dafür drei grinsende Besucher. Ich kam ins Grübeln. Wenn ich an neunundneunzig Tagen heftigstes Funken messe und am Tag des Vorstandsbesuches der Zeiger auf Null bleibt, ist etwas faul im Staate Dänemark. Nachdem sich die Ingenieure noch alle Mühe gaben, mich mit ihren Kenntnissen der elektromagnetischen Welt in Grund und Boden zu reden, zogen sie ab. Der Vorstandsvorsitzende allerdings mit einem mittlerweile gequälten Lächeln, denn die dreiste Behauptung des einen Ingenieurs, UKW-Strahlung sei langwellige Strahlung, traf selbst bei uns Laien auf ungläubiges Staunen.
Dafür hatten die drei Männer ihre Lektion in psychologischer Kriegsführung gelernt: die ganze Stunde lang, die sie in meiner Wohnung waren, weigerten sie sich, sich zu setzen. Da alle drei über einen Kopf größer waren als ich, sah ich mich gezwungen, sechzig Minuten lang zu ihnen aufzublicken, was meiner Psyche nicht wenig zusetzte. Immerhin versprach mir der Vorstandsvorsitzende, ein klärendes Gespräch mit Funkamateur K. zu führen.
Eine Stunde nach ihrem Besuch ging die Amplitude des Ausschlags auf dem Trifieldmeter bereits wieder über die gesamte Messskala. Die Antenne war wieder an. Das Gespräch zwischen Genossenschaft und Funker zeigte Wirkung, wenn auch nicht die erwünschte. Die Reizstromtherapie meiner Haut wurde durch eine aggressive Nadelstichtherapie abgelöst. Die Nadeln reichten tiefer als der Reizstrom, bohrten sich durch die Haut direkt in Muskeln und Nerven und entlockten mir ab und an kleine, spitze Schreie. Gleichzeitig setzte eine Flut anonymer Anrufe ein. Das Telefon klingelte mehrmals pro Tag und auch in der Nacht, und was mich wohl zu Tode erschrecken sollte, war das bescheidene Schweigen von Seiten der Anrufer. Zugegeben, lästig war es schon, immer wieder hoffnungsfroh seinen Namen in den Hörer zu rufen und am anderen Ende nichts als wütendes Atmen zu hören, aber von Montag bis Samstag weilte ich schließlich in der Staatsbibliothek, und nachts hatte ich kein Problem damit, mein Telefon einfach abzustellen. Zu der Zeit hatte ich noch ein altes Telefon, ohne Anruferkennung und Display. Beides legte ich mir erst zwei Wohnungen später zu, als ich dreihundertfünfzig Kilometer von Berlin entfernt weiterhin belästigt wurde.
Schlimmer als der Telefonterror war, dass sich mein Kopf nicht mehr wie früher sofort erholte, sobald ich das Haus verließ sondern noch Stunden später mit Schwindel und Übelkeit zu kämpfen hatte. Nachts bekam ich massive Herzrhythmusstörungen. Einmal rief ich aus der Not heraus Funkamateur K. an, schilderte ihm meine Herzprobleme und bat ihn, doch wenigstens für den Rest der Nacht die Antenne auszuschalten. Er legte nur wortlos auf, die Antenne lief weiter.
In dieser Zeit beunruhigten mich noch zwei weitere Vorkommnisse, die sich schon bald zu Dauereinrichtungen entwickeln sollten.
"Du hast jemanden in der Telefonleitung", stellte ein Freund beim abendlchen Schnack trocken fest, nachdem wir beide dem regelmäßigen Knacken im Hörer eine Weile gelauscht hatten. "Ob das wohl dein Freund von unten oder einer seiner Kumpels ist? Wollen wir uns mal von ihm verabschieden?"
Wir riefen gemeinsam "Tschüss, Herr K." in die Hörer, das Knacken hörte abrupt auf. Wer immer dran war, hatte vor Schreck aufgelegt.
Das zweite Beunruhigende waren die Schritte auf dem Dachboden, die mich eines Nachts aus dem Halbschlummer aufschreckten. Während ich verblüfft zur Decke starrte und mich laut Dürfen-die-das? fragte, hüllte mich plötzlich etwas ein, was für mich in dieser Form neu war. Eine mobile Elektrosmogwolke von oben, die mir in der Folgezeit mit kurzer Verzögerung quer durch die Wohnung folgen sollte, sobald ich mich vor ihr in Sicherheit zu bringen suchte. Eine neue Ära hatte begonnen. Diese Wolke, so räumlich begrenzt sie war (manchmal reichte ein Schritt zur Seite und ich war draußen) hatte verheerende Folgen auf Kopf und Herz. Die Übelkeit nahm überhand, und ich neigte in der Wolke zu spontanen Schweißausbrüchen, die mir das Wasser von der Stirn in die Augen rinnen ließen und den Rest meines Körpers in Sekundenschnelle durchnässten.
Im Internet las ich von Mikrowellensendern, umgebauten Mikrowellen und ähnlichen "Waffen" gegen unliebsame Nachbarn und begann ernsthaft um meine Gesundheit zu fürchten. Was mich jedoch beinahe stärker noch beeindruckte, war die Zielgenauigkeit, mit der mir Schritte und Wolke auf dem Weg vom Wohnzimmer ins Bad oder von der Küche ins Schlafzimmer folgten. Da mich der Kerl auf dem Dachboden, der dieses Was-auch-immer in Händen hielt, nicht sehen konnte (hoffte ich jedenfalls), musste er mich folglich hören können.
Mir standen die Haare zu Berge. Nur wenige Tage später wankte ich ins Büro der Wohnungsgenossenschaft und ließ mich auf die Liste für eine neue Wohnung setzen.
"Das kann dauern", prophezeite die Sachbearbeiterin lächelnd. "Da sind jede Menge Bewerber vor Ihnen."  Verbal fiel ich vor ihr auf die Knie, doch all mein Flehen ließ sie kalt. Wochen später schickte sie mir per Post einen Besichtigungstermin für eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung zwei Straßen weiter zu, und ich schöpfte Hoffnung. Vielleicht konnte ich mich doch noch retten, bevor ich gegrillt wurde.
Sie war nicht schön, die Wohnung, aber es gab keine Funkantenne auf dem Dach und - wie ich hoffte - jede Menge friedfertiger Nachbarn, die nur eins im Kopf hatten: sich um sich selbst zu kümmern. Also kroch ich zu Kreuze, rief eine Verwandte an, um mir von ihr Geld für den Umzug zu leihen und bewarb mich sofort um die Wohnung. "Jede Menge Bewerber vor Ihnen", lächelte die Sachbearbeterin.
Meine körperlichen Symptome beeindruckten sie noch immer ebenso wenig wie die Verzweiflungstränen in meinen Augen. Noch einmal schilderte ich ihr die ganze Problematik, doch noch, während ich um die Wohnung bettelte, konnte ich mich des Verdachtes nicht erwehren, in dieser Genossenschaft nie wieder eine Wohnung zu bekommen. Auch Genossen mögen keine Aufmüpfigen in ihren Reihen. Offenbar ist Rausekeln in heutigen Zeiten die moderne Form des Schierlingsbechers.
"Sprich mit ihm", forderte Uwes Tantchen. "Auch ein Vorstandsvorsitzender ist ein Mensch." Na, na, dachte ich skeptisch, schrieb aber brav an den Vorstandsvorsitzenden und schilderte meine Bemühungen um eine neue Wohnung, meinen desolaten Allgemeinzustand, meine bedrohlichen Herzrhythmusstörungen und so weiter und so fort ...
Bei der Wohnung könne er mir leider auch nicht helfen, es gehe da streng nach Reihenfolge, bekam ich als liebenswürdige Rückantwort, aber man habe Funkamateur K. aufgefordert, seine Antenne bis zum Soundsovielten durch die Regulierungsbehörde der Telecom überprüfen zu lassen. Der Soundsovielte lag noch sechs Wochen in der Zukunft.
Ich, die Schritte über mir und die Wolke wanderten rastlos durch die Wohnung und harrten gemeinsam auf eine Entscheidung. Die Wochen vergingen. Tagsüber trieben mein Laptop und ich uns noch immer in der Staatsbibliothek am Potsdamer Platz herum, wo außer mir noch 499 andere Arbeitswütige in die Tasten hieben. Wie ich schreiben konnte, ohne geschlafen zu haben, blieb mir ein Rätsel.
Mittlerweile hatte sich der mobilen Elektrosmogwolke von oben eine ebenso mobile Wolke von unten zugesellt. Die von oben ließ mir nach wie vor das Wasser aus den Haaren rinnen. Die von unten fühlte sich im Bett an, als läge ich auf einer sprudelnden Quelle, nur dass eben kein Wasser sprudelte sondern Energie. Eine Energiequelle eben. Die handgroße Stelle unter meinem Bett, wo es munter nach oben sprudelte, war mehrere Grade wärmer als ihre Umgebung und ging ebenso gern auf Wanderschaft wie die Schritte über meinem Kopf.
Es wurde ein warmer Winter, auch wenn draußen dicke Eiszapfen von den Dachrinnen hingen.

Die Eskalation

Der von der Genossenschaft gesetzte Termin zur Überprüfung von Herrn K.'s Antenne verstrich ohne Überprüfung. Die neue Wohnung bekam ich ebenfalls nicht. Eine Begründung hierfür sparte sich die Sachbearbeiterin, aber sie gab sich Mühe, in ihr Lächeln eine Spur Bedauern zu zaubern. Mittlerweile fragte ich mich, wo ich denn auf Verständnis stoßen könnte, wenn nicht in einer Genossenschaft, die für sich das Motto Einer für alle und alle für einen beanspruchte. Die Sachbearbeiterin wusste keine Antwort darauf, und meine Drohung, mir in dieser für mich ausweglosen Situation Hilfe bei den Nachbarn holen zu müssen, tat sie mit einem gleichgültigen Schulterzucken ab.
In diesem Moment schwappte mein ganz persönliches Geduldsfass einfach über. Da waren diese Idioten über und unter mir, die sich jeden Tag und jede Nacht allein schon deshalb der Körperverletzung im jurstischen Sinne schuldig machten, indem sie mich gezielt nicht schlafen ließen (von der Mikrowellenberieselung inklusive des möglichen Krebsrisikos ganz zu schweigen), da war die Genossenschaft, die mir ihre Hilfe verweigerte, da war ich, die ich einfach nicht mehr konnte.
Ich setzte mich an den Laptop und schrieb die Nachbarn in den beiden Häusern links und rechts an. Ich schilderte ihnen mein Problem und legte einen Zettel für eine Unterschriftenaktion zum Abbau der Antenne bei. Der Rücklauf überraschte mich. Zuerst besuchte mich eine Frau aus dem Haus, die seit einem Jahr von ihrem Arzt wegen plötzlich aufgetauchter nervöser Unruhe und Schlaflosigkeit behandelt wurde. Sie unterschrieb, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ich nicht nur einem armen blinden Mann eins auswischen wollte. Wahrscheinlich guckte ich selbst mittlerweile ziemlich grimmig. Und ehrlich gesagt, wurde der Wunsch nach einer Kalaschnikov beinahe übermächtig.
Drei weitere Mietparteien unterschrieben, ohne mich persönlich zu kontaktieren. Dann bekam ich einen Anruf meines Wand-an-Wand-Nachbarn im Nebenhaus, der ebenfalls unter Schlaflosigkeit litt, aber nicht unterschreiben wollte. Desweiteren erreichte mich ein Brief eines älteren Herrn aus demselben Nachbarhaus, der mir die gesundheitlichen Beschwerden seiner Frau schilderte, aber nicht wusste, ob sie mit der Antenne zusammenhingen und mir im folgenden wohlgemeinte juristische Ratschläge erteilte.
Das Ergebnis der Unterschriftenkaktion: mit mir forderten fünf Mietparteien den Antennenabbau. Negative Reaktionen, Beschimpfungen oder ähnliches blieben zu meiner großen Erleichterung aus. Dafür nahmen die Aktivitäten auf dem Dachboden über mir zu. Ein 24-Stunden-Rundumservice setzte ein. Alle drei Stunden erfolgte eine Ablösung, und einem meiner treuen Wächter lauerte ich nach seinem Dienstende auf und folgte ihm nach Hause. Wenig überraschend für mich, ragte eine Funkantenne vom Dach, und ich fragte mich besorgt, wieviele der Berliner Funkamateure ich wohl gegen mich aufgebracht hatte. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass meine Gegenwehr deutschlandweit Auswirkungen haben sollte und dreieinhalb Jahre später noch immer geahndet wurde, wäre ich damals vielleicht nicht davor zurückgeschreckt, mir in der Badewanne die Pulsadern aufzuschneiden.
Das Knacken im Telefon blieb mir erhalten. Ich rief von einer Telefonzelle aus die Telecom wegen einer Überprüfung an. "Gern", sagte die freundliche Mitarbeiterin. "Aber wir können nur überprüfen, wenn Sie uns von Ihrem Haustelefon aus anrufen." Ich tat es, das Knacken hörte nach meinen einleitenden Worten auf. Wen wundert's!
"Alles in Ordnung", sagte die freundliche Mitarbeiterin zwei Minuten später. "Der Anschluss ist frei." Nach zehn Minuten klingelte mich ein Freund an, das Knacken setzte wieder ein. Ich gewöhnte mir an, mit meinen Bekannten weniger übers Telefon als vielmehr über E-Mails zu kommunizieren, schließlich war ich seit einem Jahr stolzer Besitzer eines Internetzugangs über Modem und einer eigenen E-Mail-Adresse. Eines Abends saß ich in einer Ecke meiner Wohnung, während mir die bekannte Elektrosmogwolke vom Dachboden den Scheitel und die von unten die Füße wärmte. Doch die Seite, die aufgerufen wurde, war nicht meine sondern die eines gewissen Herrn Sowieso. Ein Herr Sowieso gleichen Namens, das wusste ich von meiner Unterschriftenaktion, wohnte im Nachbarhaus eine Etage tiefer. Ein Vater mit zwei fast erwachsenen Söhnen. Die Söhne waren mit Funkamateur K. befreundet und fanden sich abends öfter auf ein lautstarkes Bierchen in seiner Wohnung ein. Sie und ich teilten uns gewissermaßen die Fußleisten über die gesamte Breite meiner Wohnung.
Während ich noch verblüfft guckte, verschwand die fremde Internetseite wieder, und mein unsichtbarer Geist katapultierte mich aus dem Internet raus. Toll, dachte ich, jetzt hat deine Paranoia ihren Höhepunkt erreicht. Ich rief ein zweites Mal meine E-Mails auf. Diesmal erschien tatsächlich meine Seite: Sie haben 0 neue E-Mails. Ich war frustriert, aber nicht wirklich erstaunt. Bei all den verrückten Geschichten, die ich Freunden und Bekannten erzählte, war es kein Wunder, dass sie ihre diplomatischen Beziehungen zu mir auf ein Minimum beschränkten. Halbherzig klickte ich trotzdem den Posteingang an. Und hoppla - ich hatte in den letzten drei Tagen, die ich nicht im Internet gewesen war, vier neue E-Mails bekommen. Nur war jede einzelne E-Mail bereits geöffnet worden. Wenn auch nicht von mir.
Eines Tages stolperte ich schon Mittags in meinem Stadtteil aus dem Bus und schleppte mich auf mein Haus zu. Ich war in der Staatsbibliothek vor Übermüdung eingeschlafen und hatte meinen Laptop vom Tisch geragt. Der Krach hatte all die anderen Schläfer geweckt und zu allseitigem Murren geführt. Doch plötzlich blieb ich mitten auf dem Zebrastreifen wie angenagelt stehen. Ein Kleintransporter stand vor unserer Tür, der Funkamateur K.'s Sachen einlud, und - dem Herrn sei's getrommelt und gepfiffen - die Funkantenne wurde gerade abgebaut. Meine Erleichterung kannte keine Grenzen. Beinahe wäre ich meinem Atheismus untreu geworden und betend auf die Knie gefallen. Das Leiden war vorbei!
Zurück blieb trotz allem das mulmige Gefühl, einen blinden Mann aus seiner Wohnung vertrieben zu haben. Baff war ich allerdings über die Tatsache, dass Funkamateur K. in die Wohnung zog, die man mir verweigert hatte, wie mir ein Nachbar im Treppenhaus verriet.
Warum einfach, wenn es auch umständlich geht, dachte ich genervt. Hätte man mir die Wohnung nicht verweigert, wäre es zu keiner Unterschriftenaktion gekommen. Ich wäre umgezogen, Funkamateur K. wohnen geblieben, und es hätte für alle gepasst. Und so, dank der Genossenschaft ...
Kopfschüttelnd sah ich dem Umzug von meinem Balkon aus zu. Okay, dachte ich abschließend. Kapitel abgeschlossen, hak's einfach ab - dein Leben beginnt wieder.
Ich hatte mich zu früh gefreut. In die Wohnung von Funkamateur K. zog ein Mensch mit Glatze und Springerstiefeln, und da noch immer die Jungs aus dem Nachbarhaus dort ein und aus gingen, lag die Vermutung nahe, man habe sich schon vorher gekannt. Die Schritte auf dem Dachboden blieben mir erhalten, die warmen Flecken in meiner Wohnung wurden ein wenig wärmer, und wenn ich in meiner Wolke stand, die mir nach wie vor wie ein treuer Hund folgte, brach mir noch schneller als zuvor der Schweiß aus.
Ich bin ein friedfertiger Mensch, ein Krebs mit großem Harmoniebedürfnis (wenn man den Astrologen glauben darf), und mit wenig Bereitschaft zu offener Konfrontation. Im Prinzip das ideale Opfer. Trotzdem hatte ich gekämpft, soweit es mir möglich war, und den Kampf verloren. Am Höhepunkt meiner Verzweiflung hatte ich mit einer Rasierklinge in der Hand in der Badewanne gesessen, um den Wahnsinn einfach nur zu beenden, und mich dann doch nicht getraut.
Aber jetzt, zu genau diesem Zeitpunkt, war ich nur noch wütend. Ich wollte mein Leben zurück. Ich hatte Pläne für die Zukunft, und die schlossen einen Abtransport im Sarg nicht mit ein. Ich wollte weder durch eigene Hand noch am Herzinfarkt noch durch Krebs aufgrund von Mikrowellenbestrahlung sterben. Es reichte, dass mich Familie und Bekannte mittlerweile wie einen Psychiatriepatienten mit Ausgang behandelten. Je mehr ich erzählte, desto stiller wurden sie, und desto mehr fühlte ich mich tatsächlich verrückt. Der Funker war weg, wie konnte ich da noch immer in meiner Elektrosmogwolke sitzen und Schritte auf dem Dachboden hören?
Doch ich hörte sie! Jeden Tag und jede Nacht. Und so stürmte ich erneut ins Büro der Genossenschaft und verlangte einen Schlüssel für eben diesen Dachboden. Es gab zwei Zugänge zum Dachboden. Der eine war im Nachbarhaus und wurde nachts gern und häufig benutzt, da auch nach dem Auszug des Funkers irgend ein Jemand dazu einen Schlüssel hatte. Der zweite Zugang führte ührte über eine kleine Treppe direkt vor meiner Wohnungstür nach oben und war, wie es für einen Berliner Dachboden in einem Mietshaus vorgeschrieben ist, zugeschlossen. Ich hatte schon mehrfach vergeblich an der Türklinke gerüttelt, wenn ich oben Schritte hörte.
Sonderbarerweise bekam ich nach nur wenigen Kämpfen von der Sachbearbeiterin der Wohnungsgenossenschaft tatsächlich einen Schlüssel für eben diesen Zugang und verabschiedete mich verblüfft. In der folgenden Nacht wartete ich, bis um drei Uhr morgens eine Wachablösung über mir erfolgte, dann schlich ich die Treppe hoch, stieß den Schlüssel ins Loch und ...
Auf dem Dachboden setzte hektisches Fußgetrappel rüber zum Nachbarhaus ein. Die Jungs hätten sich Zeit lassen können, der Schlüssel passte nicht.
Ich brachte ihn zurück zur Verwaltung und verlangte den passenden Schlüssel. "Das ist der einzige, den wir haben", sagte die Sachbearbeiterin lächelnd. "Tut mir Leid."
"Wenn es Ihnen lieber ist, komme ich mit der Polizei oder einem Reporter der BILD zurück", entgegnete ich und zwang mich ebenfalls zu einem Lächeln. "Was die Jungs da oben Tag und Nacht treiben ist Körperverletzung. " Eine Minute später hielt ich einen anderen Schlüssel in Händen, den richtigen, wie ich hoffte. Dass ich ihn so rasch bekam, lag mit Sicherheit nicht an der Erwähnung der Körperverletzung sondern an den magischen Wörtern Polizei und Medien.
In dieser Nacht erwischte ich sie oben, zwei Mann hoch. Allerdings sah ich sie nur noch in einer Staubwolke durch die zweite Tür wieder nach unten verschwinden, ohne viel mehr zu erkennen als geduckte Körper mit wirbelnden Beinen. Aber das war mir in diesem Moment egal. Am liebsten hätte ich an Ort und Stelle die Sektkorken knallen lassen. Ich war nicht paranoid, ich sah (oder hörte) keine weißen Mäuse sondern nur ein paar Idioten, die sich nächtlings auf dem Dachboden herumtrieben.
Am nächsten Morgen sondierte ich oben noch einmal die Lage, bevor ich den Schlüssel wieder abgeben musste. Über die Hälfte meiner Wohnung war kreuz und quer ein kleinmaschiges Netz aus Wäscheleinen im Abstand von vielleicht 20 cm gespannt, das wohl kaum dazu diente, Wäsche aufzuhängen. Eher ein Gerät, das auf die Dauer zu schwer wird, um es in Händen zu halten. Ein Gerät, das öfter umgehängt werden muss, weil diejenige, auf die Was-auch-immer ausgerichtet war, in ihrer Wohnung unter dem Dachboden ruhelos umherstreift.
Ich verbrachte den Tag damit, auf der Suche nach einer polizeilichen Beratungsstelle durch Berlin zu fahren. Es gab keine mehr. "Stelleneinsparung!", sagte ein netter Kontaktbereichsbeamter, den ich in Rudow traf. "Gehen Sie zu Ihrer zuständigen Wache." Ich ging, und stand nach zehn Minuten schon wieder auf der Straße. Die Polizei war an keinen Hilfe-meine-Nachbarn-bestrahlen-mich-Geschichten interessiert. Sie hatten mich nicht einmal in die Wache selbst gelassen sondern eine hochschwangere Polizistin zu mir raus in den Wartebereich geschickt, während mich die Männer misstrauisch durch die kugelsichere Scheibe beobachteten. Die Erwähnung von Funkamateuren trieb ihnen den Schweiß auf die Stirn.
"Hausbewohner dürfen auf den Dachboden", argumentierte die schwangere Polizistin halbherzig und hielt Abstand. "Wissen Sie was, der Einfachhalt halber ziehen Sie am besten um."
Na klasse, auf die Idee war ich noch gar nicht gekommen. "Die dürfen sich die ganze Nacht über auf dem Dachboden direkt über meiner Wohnung aufhalten? Mit irgendetwas in der Hand, was hochfrequente Strahlung erzeugt? Einer umgebauten Mikrowelle oder ähnlichem?", fragte ich ungläubig zurück. Die Polizistn zuckte ratlos die Achseln und scheuchte mich vorsichtig nach draußen. "Ziehen Sie um, gegen die kommt eh' niemand an."
Ich starrte sie geschockt an. Sollten die Funkamateure mittlerweile die Regierung übernommen haben, und ich hatte den Umsturz einfach verpennt? Eins wollte ich noch wissen, bevor ich mich erneut auf die Suche nach einer neuen Wohnung machte. Wurde meine jetzige Wohnung tatsächlich abgehört? Lauschte da irgend jemand, wenn ich heulend in der Ecke lag oder Oh, when the saints go marching on ... zur Gitarre sang? Tatsächlich hörten die Schritte auf dem Dachboden auf nach meinem Sturmangriff, doch dafür kamen die warmen Flecken jetzt verstärkt von unten, aus der Wohnung, mit der ich mir die Fußleiste teilte. Der Vater mit den zwei Söhnen, und einmal, als ich aus einem Minutenschlaf um vier Uhr morgens von meinem eigenen Schnarcher aufwachte, hörte ich von genau dort brüllendes Gelächter.
Ich überlegte hin und her, wie ich es anstellen könnte, dass die Jungs aus ihrer Deckung kamen und sich offen zu erkennen gaben. Nicht, dass es mir geholfen hätte, irgendetwas zu beweisen, aber es wäre für mich persönlich eine Bestätigung gewesen. Mein Ego lag zertreten am Boden, und die Blicke, mit denen mich Familienmitglieder und Bekannte musterten, gefielen mir schon lange nicht mehr. Über das Wort "Abhören" gingen sie schweigend hinweg und sprachen mit mir lieber über das Wetter.
Die Idee kam spontan, als mir in einer Elektrosmogwolke der Schweiß wortwörtlich über das Gesicht lief und auf den Boden tropfte. Ich gebe zu, sie war nicht besonders gut durchdacht, und könnte (rein theoretisch) am folgenden Desaster die Schuld tragen. In diesem Moment war sie lediglich die verzweifelte Ausgeburt eines Geistes, der schon lange keinen Schlaf mehr bekommen hatte. Ich inszenierte ein Telefongespräch und zwar nicht über die Haus-Telefonleitung, sondern über ein imaginäres Handy. Ich hatte keins. Ich gehörte zu den Exoten in Deutschland, die nicht überall und zu jeder Zeit erreichbar sein wollten. "Boris", sprach ich forsch in das nicht vorhandene Handy. "Du bist doch aus dem Knast wieder raus, also hast du vielleicht Interesse an einem neuen Auftrag?"
Ich legte eine Pause ein, um Boris, den es nicht gab, Gelegenheit zu einer Antwort zu geben. "Okay, du bist also interessiert. Pass auf, ich habe hier ein kleines Problem mit ein paar Nachbarn. Wenn Sie mich nicht ab sofort zufrieden lassen, zahle ich dir zweitausend Euro pro Kopf, wenn du für mich einen bestimmten Funkamateur und noch den einen oder anderen seiner Freunde über den Haufen schießt."
Es gab keinen Boris, ich kannte keinen Auftragskiller, ich hatte keine zweitausend Euro, aber ich hegte zwei Hintergedanken bei diesem fingierten Anruf. Erstens wollte ich wissen, ob mir jemand zuhörte, wenn ich in meiner Wohnung Laut gab. Zweitens dachte ich, wenn Funkamateur K.'s Freunde so blöd waren, das Telefonat ernst zu nehmen (woran ich keine Minute lang ernsthaft glaubte), mussten sie mich von diesem Moment an tatsächlich zufrieden lassen, weil ihnen als seine Freunde an Funkamateur K.'s Wohlergehen und an ihrem eigenen gelegen sein müsste.
Das Ergebnis war unglaublich: ganz offenbar kroch mein Ego völlig umsonst um meine Füße herum. In meinen Augen war ich seinerzeit nicht mehr als ein elender Versager, der sich ganz umsonst bemüht hatte, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Ein Jammerlappen, der nicht in der Lage war, diesen Idioten einfach die Tür einzutreten, sie bei der Kehle zu packen und zur Rede zu stellen. In den Augen der anderen war ich jedoch offenbar eine Art Mafiosa mit hervorragenden Verbindungen zur Unterwelt. Im Nachhinein weiß ich noch immer nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen soll, obgleich ich nach wie vor eher glaube, ich lieferte ihnen endlich einen Grund, gegen mich mit all der Härte und all dem Vergnügen vorzugehen, dass ihnen die Jagd in der Meute versprach.
Wie auch immer. Vielleicht war es die Unterschriftenaktion gegen einen der 57.000 in Deutschland lebenden Amateurfunker, vielleicht aber auch nur dieses eine Telefonat, das es nie gegeben hat, was die Lawine auslöste - Tatsache ist jedoch, dass sie auch heute, drei Jahre später und 350 km von Berlin entfernt, noch immer nicht zum Stillstand gekommen ist.
Als ich am nächsten Morgen über die Straße zum Zeitungskiosk ging, um wie jeden Tag die Wohnungsangebote zu durchforsten, hatte ich einen der Söhne von Herrn Sowieso aus dem Nachbarhaus auf den Fersen. Und wenn ich sage "auf den Fersen" meine ich das auch so. Wir gingen mit Körperberührung über die Ampel, er etwa einen halben Schritt hinter mir, während die Augen der Zeitungsverkäuferin im Kiosk groß und rund wurden. Ich fuhr nicht weniger ungläubig herum, und geriet bei dem bitterbösesten Blick, der mich je getoffen hatte, spontan ins Lachen. Am Kiosk blieb er hinter mir stehen, dann schritten wir, wie gehabt, über die Straße zurück zu meiner Haustür, wo er mich verließ.
Sieh an, dachte ich nach einer Weile, als ich wieder denken konnte. Irgendjemand hört dir also doch zu, wenn du in deiner Wohnung Laut gibst. Du drohst in einem fingierten Telefonat, und sie reagieren und versuchen dich auf offener Straße einzuschüchtern.
Einen Tag später hatte ich den Bruder des Jünglings auf den Hacken, der jedoch, als ich in einer Überraschungsattacke herumfuhr, erschrocken zurückwich und sich zu einem Körperkontakt nicht aufraffen konnte. Allerdings folgte er mir den ganzen Tag über treu wie ein Hund. Tag Nummer 3 war der Glatzkopf mit den Springerstiefeln an der Reihe und ich rettete mich in die Telefonzelle neben dem Kiosk, wo ich ein fingiertes Telefongespräch mit der Polizei führte. Der Herr mit den Stiefeln blieb in gehöriger Entfernung unschlüssig stehen, bevor er sich für den taktischen Rückzug entschied. "Kann es sein, dass Sie irgendwie Ärger haben?", fragte mich die nette Kioskbesitzerin vorsichtig.
In der Folgezeit gab es jede Menge Auf und Ab's. Als Herr Sowieso mich eines Tages zum Park schlurfen sah, bog er mit seinem Fahrrad vom Fahrradweg ab und hielt geradewegs auf mich zu, so dass ich mich gezwungen sah, in die Büsche zu hüpfen. Nachts wurde bei mir angerufen, geklingelt und an der Türklinke gerüttel. Währenddessen suchte ich sie mit meinen fingierten Telefonanrufen in Schach zu halten, hetzte ganze imaginäre Schlägertrupps auf mal den einen, mal den anderen, tat, als riefe ich unsere uniformierten Freunde und Helfer an. Manchmal half es für eine kurze Zeit, aber da keine Polizei kam, weil ich keine rief, und da keiner dieser Idioten mit einer Kugel im Kopf aufgefunden wurde, bewirkte es eher das Gegenteil.

Die Flucht

Ich zog zwei Straßen weiter. Auf die Schnelle war das die einzige Wohnung, die ich finden und mir vor allem leisten konnte. Ein Zimmer mit Minibalkon und einer Spüle von Anno Dazumal. Um die Ereignisse eines halben Jahres zusammenzufassen: „zwei Straßen weiter“ reichte nicht, um irgendwen loszuwerden, schon gar nicht einen Pulk aufgebrachter Funker samt Freunden, die sich zu gnadenlosen Rächern des Antennenvolks berufen fühlten. Das Programm lief nach Schema F ab: anonyme Anrufe, nächtliches Türklingeln, außerhäusiger Begleitschutz durch böse blickende Herrn, Wohnung unter „Beschuss“. Wandernde warme Flecken, Schweißausbrüche, stechende Kopfschmerzen, Herzprobleme. Ich hatte seit zwei Jahren nicht mehr richtig schlafen können, man ließ mich auch hier nicht - eine beliebte Foltermethode nicht nur in Guantánomo Bay. Das Gesetz nennt es Körperverletzung.
Körperlich hatte ich nichts mehr zuzusetzen, mental versuchte ich verzweifelt, nicht den Verstand zu verlieren. Nach nur einem halben Jahr gab ich auf. Ich lieh mir erneut Geld, ich zog erneut um, und diesmal richtig weit weg! Raus aus Berlin, rein ins Weserbergland. Hameln war mein Ziel, eine nette, mäßig große Stadt an der Weser. Hier war ich aufgewachsen, hierhin floh ich zurück, als nichts mehr ging. Drei Zimmer unter dem Dach in einem Haus, das man als gut bürgerlich bezeichnen möchte. Steintreppen, Reinigungsdienst, Genossenschaftseigentum. Zwei Rentner-Ehepaare Anfang/Mitte sechzig, zwei alte Damen, die anderen in etwa in meinem Alter. Freundliche, entgegenkommende Nachbarn, doch eigentlich wollte ich nur zufrieden gelassen werden. Ich verzichtete sogar auf ein Namensschild an der Tür und starrte jeden misstrauisch an, der mich allzu freundlich grüßte. Ein gebranntes Kind, das sich ins Schneckenhaus zurückzieht und unauffällig seiner Wege geht.
Von Berlin aus hatte ich mir schon eine neue Telefonnummer besorgt, eine, die ich nur hinter vorgehaltener Hand weiter gab - mündlich an Verwandte und Bekannte, schriftlich an Behörden. Ich ließ mich weder ins Telefonbuch eintragen noch erwähnte ich die Nummer in Telefongesprächen.
„Freu dich“, sagte Uwes Tantchen energisch. „Jetzt ist alles vorbei. In Hameln bist du in Sicherheit. Hameln ist nicht Berlin.“ War ich das? In Sicherheit? Tief in mir gab es zwar ein Fünkchen Hoffnung, aber es glomm nur. Eine Flamme wurde nicht daraus. Eine Woche nach meinem Einzug nahm mich eine Nachbarin auf der Straße zur Seite, neigte mir ihr Ohr zu und wisperte: "Und jetzt erzählen Sie mir mal, warum Sie wirklich umgezogen sind." Ich murmelte die übliche Rechtfertigung von wegen Großstadtmüdigkeit, aber in diesem Moment erkannte ich, die Nachbarschaft wusste bereits Bescheid. Meine Geschichte war mir vorausgeeilt, doch angesichts der bleibenden Freundlichkeit der Nachbarn glomm das Fünkchen Hoffnung ein klein wenig stärker.
Doch nur wenige Tage lang. Ich telefonierte gerade, als plötzlich der Boden unter meinen Füßen merklich wärmer wurde und das bekannte Ganzkörperkribbeln einsetzte. Die Elektrosmogwolke hatte mich wieder, nur war ich diesmal ratlos, woher sie kam. Mir schien, als stünde die Energiequelle irgendwo unter mir, aber das konnte nicht sein. Eines der Rentner-Ehepaare wohnte dort, passionierte Kleingärtner, die sich zwar allzu lebhaft für alles interessierten, was mich betraf - „Wo wollen Sie hin?“ „Wo kommen Sie her?“ - mit Sicherheit aber keine Kriminellen waren, denen es Spaß machte, Leute zu quälen.
Das Spiel begann von neuem, doch diesmal musste ich durchhalten. Funker und ihre Freunde gibt es in ganz Deutschland, und wer ab und an einen Blick auf die Hausdächer wirft, wird erstaunt sein, wie engmaschig das Netz der Funkantennen ist, das unser Land überzieht. Womit ich keinesfalls alle Funkamateure oder CB-Funker zu Kriminellen abstempeln möchte, die nichts Sinnvolleres zu tun haben als ihre Nachbarn zu terrorisieren. In meinem Fall jedoch hatte irgendwer von Berlin aus ein gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut, mir das Leben zur Hölle zu machen. Kein Einzelfall, wie ich später erfahren sollte.
Nachdem ich die ersten Nächte heulend wach gelegen und mit meiner Panik gekämpft hatte, stellte ich ein Fitnessprogramm auf die Beine. Ich gewöhnte mir an, mit dem Fahrrad eine Runde über die Dörfer zu drehen, um meine tiefschwarze Depression und meine Schlaflosigkeit in den Griff zu bekommen. Eins stand fest - diesmal würde ich mich nicht vertreiben lassen. Ich wählte die Vogelstraußmethode: Kopf in den Sand. Alles um dich herum ignorieren, niemandem gegenüber ein Sterbenswörtchen, viel Sport, Arbeit suchen, und ansonsten so tun, als hättest du ein Leben.
Eine Weile ging’s gut. Die Nachbarn blieben freundlich, ich fühlte mich zumindest in meinem Haus gut aufgehoben und willkommen. Als der Wasserzulauf meiner Waschmaschine zweimal kurz hintereinander undicht wurde (obgleich ich ihn von einem Fachmann hatte installieren lassen) dichtete ihn der nette Nachbar von unten ab und bot mir auch seine Hilfe in der Wohnung an, sollte ich sie jemals benötigen.
Nachts lag ich wach und grübelte darüber nach woher die Wolke kam. Doch von unten? Falsche Antwort! Warum sollten sich die Nachbarn dermaßen verstellen? Warum sollten sie mich auf der einen Seite herzlich willkommen heißen, auf der anderen Seite aber gnadenlos quälen? Wenn dem wirklich so wäre, dann gab es hierauf nur eine Antwort: das Quälen machte ihnen Spaß. Nein, dachte ich entschieden. Bis hierher und nicht weiter. Deine Wahrnehmung täuscht dich und du leidest unter Verfolgungswahn. Denk an Uwes Tantchen: du lebst jetzt in Hameln und Hameln ist nicht Berlin. Wahrscheinlich bist du durch den Berlin-Horror einfach nur sensibilisiert für Elektrosmog, und das beste Mittel dagegen ist viel Bewegung in frischer Luft und positives Denken.
Diese Taktik funktionierte so einigermaßen, bis mir eine Wohnung im Wohnblock schräg gegenüber auffiel. Dort saß ein junger Mann - Halbprofil zu mir - stundenlang am Fenster und starrte auf etwas, das ich nicht sehen konnte. Auffällig war nicht der junge Mann an sich sondern, dass er sich ein paar Stunden später in einen anderen jungen Mann verwandelt hatte und noch ein paar Stunden später wiederum in einen anderen. So ging es tagsäber, so ging es auch nachts.
Da ich nicht annnahm, dass sich Al Qaida mittlerweile in Hameln niedergelassen hatte und mir gegenüber eine konspirative Wohnung betrieb, blieb nur die Assoziation zu den Schichtwechseln auf dem Berliner Dachboden. Damals war ich nachts manchmal auf den Balkon geschlichen und hatte zugesehen, wie die Kerle mitten in der Nacht nach ihrem " Dienst" aus dem Nachbareingang kamen und müde nach Hause trotteten.
Eines Nachts lugte ich schlaflos aus meinem Fenster. Dem jungen Mann gegenüber schien kalt geworden zu sein, er hatte sich in eine Decke gewickelt. Als ich das Licht anmachte, wickelte er sich hektisch aus seinen Umschlingungen, knipste die matte Funzel der Nachttischlampe aus und wetzte aus dem Zimmer. Seltsame Reaktion, dachte ich vage, steckte meinen Kopf jedoch sofort wieder in den Sand. Vogel Strauß eben.
Ich radelte verbissen über die Dörfer, ignorierte die Autofahrer, die mich hupend überholten oder rufend aus dem Fenster hingen. Ein paar hatten ein CB im Nummernschild, was mir zu denken gab. CB-Funker? Ich versuchte meine Panik unter Kontrolle zu halten und murmelte zehn Mal pro Tag den Spruch von Uwes Tantchen vor mich hin: Hameln ist nicht Berlin. Oder etwa doch?
Die anonymen Anrufe setzten etwa vier Wochen nach meinem Einzug ein. Das Muster war mir nur allzu bekannt: das Telefon klingelte, ich ging ran, der Anrufer meldete sich nicht, legte jedoch auch nicht auf. Bis auf einen. Dieser eine sprach, wenn auch ein wenig undeutlich, da er offenbar getrunken hatte. „Sowas lassen wir Funker uns nich’ gefallen“, nuschelte er in den Hörer. „Das ham schon andere gemerkt. Ich hoffe, du hast nicht’s mehr vor in dein’m Leben.“ Nach den ersten zweihundert Anrufen kaufte ich mir ein Telefon mit Display und Anruferkennung und begann diejenigen zurückzurufen, die vergaßen, ihre Rufnummern unterdrücken zu lassen.
"Ich kenn' Sie doch gar nicht", stotterte der erste Angerufene panisch." Ganz bestimmt weiß ich nicht, wie meine Nummer auf Ihr Display kommt." Nach dem dritten Rückruf hörten die anonymen Anrufe abrupt auf. Toll, freute ich mich. Eins zu null für dich.
Dann saß ich eines Tages am Schreibtisch und starrte auf die autoleere Kreuzung unter mir. Ich hatte in den Giebelfenstern meiner Dachgeschosswohnung weder Gardinen noch Jalousien. Nach meinem lautlosen, versteckten Dasein in den Berliner Wohnungen wollte ich mich Hameln offen präsentieren. Ich hatte nichts zu verbergen, ich wollte am Leben teilnehmen. Direkt in die Fenster sehen konnte mir ohnehin niemand, auch der Wohnblock mit den wechselnden jungen Männern stand versetzt zu meinem. Vom Schreibtisch aus hatte ich einen tollen Blick über die kleine Siedlung hinweg, auf die geschwungenen Bergzüge des Wesergebirges. Abends bestaunte ich die herrlichen Sonnenuntergänge.
Doch an jenem Tag wurde mein Blick von jemandem auf sich gezogen, der unter mir winkend mitten auf der Kreuzung stand. Seltsamerweise winkte er mir zu. Ich schaute ihn mir genauer an und wäre um ein Haar vom Stuhl gefallen. Es war der Elektriker aus Berlin, der mich eines Tages mit seiner Werkzeugtasche in der Hand auf der Straße vor dem Haus höhnisch grinsend gefragt hatte, wie er wohl am besten auf den Dachboden käme. Obgleich ich zwei schwere Einkaufstüten trug, versperrte er mir viel länger als nötig den Weg ins Haus, und in der Folgezeit begegnete er mir noch einmal, als er aus der Wohnung des Funkers kam, der zu dem Zeitpunkt längst umgezogen war. Was das Auftauchen dieses Mannes in Hameln für mich bedeutete, darüber mochte ich erst gar nicht nachdenken. Mir schien, als sei er geradewegs aus unserem Haus gekommen, doch da täuschte ich mich sicherlich. Es konnte nur der Wohnblock gegenüber sein. In meinem Haus wohnten die Netten, die Bösewichter hatten sich, wenn überhaupt, gegenüber einquartiert.
Die Zeichen kommenden Ärgers mehrten sich, doch treu meinem Motto Augen zu und durch ignorierte ich sie, so gut es eben ging. Da ich keinen Stress im eigenen Haus wollte, und die Nachbarn unter mir sofort ihren Fernseher lauter stellten, als ich meinen das erste Mal einschaltete, kaufte ich mir im Media Markt einen Funkkopfhörer und fiel, trotz guter Vorsätze, in mein altes Rollenverhalten zurück. Wieder bewegte ich mich mehr oder weniger lautlos in meiner Wohnung. Fernseher nur über Kopfhörer, kein Radio, die Nachbarn von unten „beschwerten“ sich nun mehrfach darüber, dass man mich gar nicht mehr höre. Ich bildete mir sogar ein, einmal weniger warme Füße zu bekommen und in einer Elektrosmogwolke abzutauchen, sobald ich wieder in der Lautlosigkeit versank.
Als Sichtschutz für gegenüber legte ich mir Jalousien mit Lamellen zu, die sich nahtlos verstellen ließen. Die Wohnung mit dem Männer-Schichtwechsel lag eine Etage tiefer als meine eigene. Eines Tages zog ich im Schlafzimmer die Jalousien hoch, um Fenster zu putzen, und ein Mann auf dem Balkon eben jener Wohnung wurde auf die Bewegung aufmerksam. Sein Kopf fuhr herum, einen Moment lang starrten wir uns an, dann rannte er in die Wohnung zurück und warf die Tür hinter sich zu. Im nächsten Moment knallten seine Jalousien runter. Viel auffälliger ging es nun nicht mehr, doch selbst zu diesem Zeitpunkt suchte ich noch nach einer anderen logischen Erklärung für sein Erschrecken.
Gewissheit bekam ich ein paar Wochen später, als ich in der dunklen Ecke des Zimmers gegenüber einen Fernseher stehen sah, der zwar an und beleuchtet war, aber offenbar nur ein Standbild zeigte. Neugierig blickte ich genauer hin. Ich erkannte den spitzen Giebel eines Hauses mit zwei Fenstern. Hinter dem rechten Fenster waren Jalousien runtergelassen, hinter dem linken Fenster stand eine Person und starrte zu mir herüber. Ich hob zaghaft eine Hand zum Winken, die Person auf dem Fernseher hob ebenfalls zaghaft eine Hand zum Winken. Ich sah mich selbst. Irgendwo hinter den Jalousien der übrigen, zur Wohnung gehörenden Fenster musste eine Kamera installiert sein, die mein Dachgeschoss unter Beobachtung hielt. Kein Wunder, dass mich die Elektrosmogwolke so zielsicher traf. Es gibt keine Jalousien, die so dicht sind, dass kein Lichtschimmer nach draußen dringt.
Ich gewöhnte mir an, mich hauptsächlich in den beiden Zimmern an der Längsseite des Hauses aufzuhalten. Unser Häuserblock steht, wie schon erwähnt, ein wenig versetzt zum Block gegenüber, und ob eins meiner Dachfenster zur Längsseite erleuchtet war, konnte man von bewusster Wohnung aus nicht sehen. Seltsamerweise fand mich die Elektrosmogwolke trotzdem. Es war ein warmer, freundlicher Sommer und Herbst, ich genoss meine Fahrradtouren, auch wenn ich öfter einen anderen Fahrradfahrer, junger Mann mit bösem Blick, am Hinterrad hatte, der mir bis ins nächste Dorf folgte (Überholen, Ausbremsen, Überholen, Ausbremsen). Ich ignorierte ihn und dehnte meine Touren auf dem Weserradweg bis Bodenwerder oder sogar bis Polle aus, während er gewöhnlich nach zehn Kilometern aufgab. Sobald ich auf Radwegen neben Straßen fuhr, ging das Gehupe wieder los. Nach und nach lernte ich die entlegendsten Stellen des Weserberglandes kennen.
Richtig gut ging es mir, als ich mit dem Fahrrad für ein paar Tage den Mittellandkanal entlang fuhr und dann an der Elbe runter bis Magdeburg. Es waren die einzigen Tage in dem Jahr, wo mir niemand folgte, mich niemand anhupte, ich keine Kamera auf mich gerichtet wusste und mich keine Elektrosmogwolke piesackte. Als ich wiederkam, putzte ich mit neuer Energie mein Fahrrad auf dem Rasen vor dem Haus. Im Nachbareingang ging die Haustür auf, ein Pärchen kam die drei Stufen herunter. Die junge Frau musterte mich kurz, stieß ihren Begleiter an und sagte laut und verächtlich: "Das ist sie, die bescheuerte Frau aus Berlin."
Die Wirklichkeit hatte mich wieder und ich einen Spitznamen dazu. Die bescheuerte Frau aus Berlin, das sollte ich in den nächsten Monaten noch mehrfach hören. Ein Halbwüchsiger, der seinen Freund auf mich aufmerksam machte, hob sogar einen Stein auf und warf ihn nach mir. Was früher so wichtig für mich gewesen war - die Meinung anderer über mich - war schon seit langem nebensächlich geworden. Ich igelte mich in einem Kokon ein und wollte nur noch meine Ruhe haben. Doch nach wie vor stand eins für mich fest. Umziehen kam nicht mehr in Frage. Ich durfte und wollte mich nicht noch einmal aus einer Wohnung vertreiben lassen.
Ich hatte mich damals mit einer Unterschriftenaktion gegen einen Funker gewehrt, als ich keinen anderen Ausweg mehr sah. Mit viel gutem Willen kann ich noch nachvollziehen, warum mich daraufhin dessen Kumpels nach alttestamentarischem Vorbild – Auge um Auge, Zahn um Zahn – aus meiner Wohnung vertrieben, obgleich ich das Wie, massive Körperverletzung, keineswegs verstehe. Da daraufhin eine Pattsituation eingetreten war – ich hatte den Funker vertrieben, die Funker hatten mich vertrieben – müssten wir eigentlich doch, so dachte ich zumindest, quitt sein. Ich bin dem blinden Funker nach seinem Umzug nie wieder begegnet. Ich habe ihn in keiner Weise mehr kontaktiert, nicht einmal, als mich seine Freunde nach seinem Auszug munter weiter terrorisierten.
In Hameln gibt es in Sichtweite meiner Wohnung zwei Funkantennen auf Hausdächern, fünfzig bzw. hundert Meter entfernt. Ich reagiere nicht auf sie, aber selbst wenn ich es täte, würde ich mich nach den Berliner Erfahrungen tunlichst hüten, auch nur ein Wort darüber verlauten zu lassen. Mit anderen Worten, ich habe mich nur ein einziges Mal und nur in Berlin gegen einen Funkamateur gewehrt.
Warum also diese gnadenlose Verfolgung über Jahre hinweg? Warum die Androhung, sie für den Rest meines Lebens fortsetzen zu wollen? Ist es der Kick, in der Anonymität einer großen Meute unerkannt quälen zu dürfen? Die Macht, mit seinem Wissen Elektronik als lautlose Waffe einsetzen zu können? Schockierend ist vor allem die Akribie und die Begeisterung, mit der sich die Hamelner an dieser 24-Stunden-Überwachung beteiligen. Wenn ich Verwandte, Freunde oder Bekannte besuche, steht während dieser Zeit auch deren Wohnung "unter Beschuss", egal, ob sich hinter den Wänden ein Säugling, eine Kranke oder jemand mit Herzschrittmacher befindet. Auch meine Verwandten bekamen in der ersten Zeit nach meinem Umzug anonyme Anrufe.
Die Beschimpfungen auf offener Straße verstärkten nur noch den Eindruck eines auf lange Sicht hin angelegten Rachefeldzugs. Kurz bevor oder kurz nachdem ich nach Hameln zog, hatten die Berliner, in Co-Operation mit den Hamelnern, ganz offensichtlich keine Mühe gescheut, eine Rufmordkampagne zu starten, der einige Nachbarn Glauben schenkten.
Eines Abends öffnete ich eins der Dachfenster an der Längsseite des Hauses. Auch nach hier raus gab es zweistöckige Wohnblocks, aber mir war nie etwas für mich Bedrohliches aufgefallen. Diesmal jedoch fiel mein Blick in ein Zimmer im Haus genau gegenüber. Ein junger Mann saß an einem Schreibtisch, mit dem Rücken zu mir und starrte auf seinen Computermonitor. Vom Bildschirm leuchtete mir das rote Dach eines Hauses entgegen. Eines der Dachfenster stand offen und eine Frau lugte heraus. Ich. In dem Moment, in dem ich aus dem Fenster blickte, erschien ich natürlich auch auf dem Computermonitor direkt vor den Augen des jungen Mannes. Einen Moment lang fürchtete ich, er bekäme vor Schreck einen Herzschlag, so gewaltig zuckte er zusammen. Unmittelbar darauf versuchte er den Bildschirm hektisch mit seinem Körper zu verdecken und zog, als alles nichts half, den Stecker des Computers heraus, bevor aus dem Raum floh. Die Überwachung des Hauses hatte sich weiter ausgedehnt. Von zwei Wohnungen aus ließen sich nun die drei Hausseiten, hinter denen meinen Wohnung liegt, problemlos überwachen. Hinter welchem Fenter brennt Licht, welches Fenster steht offen? Es scheint, als hätte der Zufall dafür Pate gestanden, dass ich mich gleich auf zwei verschiedenen Monitoren sah. Doch mittlerweile war das zweite Jahr meines Hamelnaufenthaltes angebrochen, und so ist es wahrscheinlich auch nur eine Frage der Zeit gewesen. Vielleicht fühlten sich die Jungs auch zu sicher. Sie agierten in der Gemeinschaft, ich war das ideale Opfer, das sich nicht wehrte, was also konnte passieren?
Meine Funkkopfhörer ließen sich zu diesem Zeitpunkt nur noch schwer auf die Fernsehfrequenz einstellen. Dafür empfing ich in Überlautstärke Radioprogramme und schrille Rückkoppelungen, sowie ich den Kopf wendete. Spazierte ich mit den Kopfhörern durch meine Wohnung, knallte es hier und da gewaltig.
Im Frühjahr 2006 fand ich endlich Arbeit und war die meiste Zeit unterwegs, so dass meine Not zuhause ein wenig in den Hintergrund rückte. Zumindest war ich tagsüber abgelenkt. Solange die netten Rentner unter dir wohnen, dachte ich mir auf dem Nachhauseweg so manches Mal, kannst du es irgendwie aushalten. Du musst es aushalten!
Nach wir vor ignorierte ich alles, was von der Norm abwich. Das gleichmäßige Knacken im Telefon während meiner Gespräche, das irgendwann in ein einmaliges Klicken überging, wobei die Stimme meines Gesprächspartners kurz verschwand, bevor sie wieder zu hören war und ich die Frage beantworten musste, auf welche Taste ich denn nun schon wieder gekommen sei. Ich ignorierte die Männer, die noch immer am Fenster gegenüber Wache hielten, die Elektrosmogwolke, die mir durch die Wohnung folgte, ich ignorierte sogar, kein Leben mehr zu haben. Nur ab und an, wenn mich die Panik im Würgegriff hatte, dachte ich an eine Handvoll Schlaftabletten und wie leicht es wäre, dem allen ein Ende zu setzen.
„Alles, was geschieht, hat auch etwas Gutes“, pflegt Uwes Tantchen zu sagen, und vielleicht versteckt sich darin tatsächlich ein Körnchen Wahrheit. Ich bin stärker geworden, geistig wie körperlich, und ich bin bereit, um meine Zukunft zu kämpfen. Zu verlieren habe ich nichts mehr. Der Sommer verging, im Herbst fuhr ich ein Wochenende an die Ostsee.
Das dritte Jahr meines Hamelnaufenthalts brach an. In der Wohnung und im Umfeld blieb alles beim Alten, mit der kleinen Einschränkung, dass mir irgendwann ein metallisches Klicken in gerade dem Zimmer auffiel, in dem ich mich aufhielt. Wohn-, Schlaf-, Arbeitszimmer – es klickte sogar im Flur, manchmal als Einzel-, manchmal als Doppelklick, aber immer klang es so, als schalte sich irgendwo ein Gerät ein. Nur konnte ich nicht orten, woher es kam. Über den Ursprung der Elektrosmogwolke rätselte ich ebenfalls weiter herum. Noch immer traute ich meiner Wahrnehmung nicht, und die behauptete nach wie vor: direkt von unten!
Mittlerweile war die ältere Damen, die in der Wohnung im ersten Stock wohnte, ins Pflegeheim gekommen und die Wohnung stand leer. Hoffte ich jedenfalls. Manchmal, wenn ich wusste, die netten Nachbarn unter mir waren verreist und ich trotzdem die halbe Nacht hindurch das Knarren von Holzdielen hörte, wurde ich ausgesprochen nachdenklich. Stand sie tatsächlich leer, die Wohnung oder hatten sich dort ebenfalls schon Mitglieder des Netzwerks eingenistet.
Ausgesprochen stutzig wurde ich, als eines Nachts kurz vor Mitternacht mein Telefon klingelte. Ich lag schon im Bett, las aber noch. In meiner Wohnung und in den Wohnungen unter mir war es mucksmäuschenstill. Die Nachbarn waren verreist. In diesem Moment eben klingelte mein Telefon, und so deutlich, wie ich das Klingeln im Nebenraum hörte, so deutlich hörte ich unter mir einen unterdrückten Ausruf und das Verrücken eines Stuhls. Irgend ein Jemand hatte sich gewaltig erschrocken. In einer Wohnung, die angeblich leer stand.
Von diesem Zeitpunkt an begann ich meine unmittelbare Umgebung aufmerksamer zu betrachten und das, was ich hörte und sah zu analysieren. Mir fiel auf, wie oft ich vor der Wohnungstür jemandem begegnete, der mich nach dem Wohin fragte. Eines Tages hörte ich, schon halb auf der Kellertreppe, wie sich im Haus eine Wohnungstür öffnete und eine Frauenstimme sagte: "Das kannst du mir später erzählen, ich muss mal kurz raus, Frau M. will weg." Dann stapfte sie hinter mir die Kellertreppe hinunter und fragte: „Na Frau M., wo soll’s denn hingehen?“
Es wunderte mich bald nicht mehr, dass mich die Jungs mit den bösen Gesichtern in Rinteln oder Bodenwerder schon erwarteten, sobald ich vom Fahrrad stieg. In Minden fuhr auf einem einsamen Feldweg ein Auto, das mich überholt und dann gewendet hatte, einen beherzten Schlenker in meine Richtung, als wollte der Fahrer sagen, wenn ich wollte, dann könnte ich ohne weiteres. In der Folgezeit gewöhnte ich mir an Rinteln zu sagen, wenn ich nach Bodenwerder wollte und zum Baumarkt ins Industriegebiet, wenn’s zum Aldi ins Neubaugebiet ging.
Eigentlich hätte damit alles klar sein müssen - für mich, meine ich. Aber noch immer sträubte ich mich vehement gegen die Vorstellung einer Beteiligung meines unmittelbaren Umfeldes an dieser Treibjagd. Ich fühlte mich der Realität nicht mehr gewachsen und bekam Schwierigkeiten, Geschehnisse logisch einzuordnen und mit ganzer Tragweite zu akzeptieren. Mein Gehirn hatte seine eigene Überlebensstrategie entwickelt, schirmte meinen Verstand ab und ließ die Wirklichkeit nur noch tröpfchenweise durchsickern.
Der Sommer wurde turbulent. Die Arbeit nahm fast meine ganze Zeit in Anspruch, selbst an den Wochenenden, und sobald ich nach dem Wohin oder Woher gefragt wurde, log ich das Blaue vom Himmel hinunter. Die Schlaflosigkeit blieb weiterhin mein größtes Problem. "Probier mal, den Strom im Schlafzimmer abzuschalten", riet mir Uwe am Telefon. "Vielleicht geht’s dann besser mit Morpheus."
Mein Sicherungskasten hängt außerhalb meiner Wohnung im Hausflur. Ein alter Holzkasten mit klemmender Tür. Es gab sechs Sicherungen, vier links und zwei rechts des Sicherheitsschalters in der erhöhten Mittelkonsole. Ich probierte sie alle durch und kam zu einem überraschenden Ergebnis.
Ich rief Uwe zurück. "Sag mal, ist das normal, das Bad, Flur und Küche an einer Sicherung hängen? Dafür habe ich einen Schalter, an dem hängt überhaupt nichts." "Eigentlich nicht", beschied er mich verblüfft. "Kann’s sein, dass du dich geirrt hast?."
Ich probierte es noch dreimal aus. Bad, Küche und Flur hingen gemeinsam an einem Schalter. „Ruf die Genossenschaft an.“, riet Uwe.
Die Genossenschaft anzurufen erwies sich als überflüssig. Am nächsten Abend, als ich von der Arbeit kam, testete ich die Sicherungen noch einmal durch. Siehe da: jetzt hingen nur noch Küche und Flur am selben Schaltkreis, das Bad hatte einen eigenen bekommen, rechts vom Sicherungsschalter. Wie sich bestimmte Probleme doch durch ein einfaches Telefonat regeln lassen.
Ein paar Tage später wollte ich eine neue Deckenlampe im Wohnzimmer anbringen. Erneut testete ich die Sicherungen durch und stellte überrascht fest, dass zwar alle Lampen im Wohnzimmer, nicht aber alle Steckdosen an einem Schaltkreis hingen. Die Steckdose direkt neben der Tür hatte noch immer Strom. Sie hing am Schaltkreis, der zum Flur gehörte. Hätte ich diese Steckdose auswechseln wollen, ohne den Strom jeder einzelnen Steckdose gesondert zu überprüfen, hätte ich einen Schlag bekommen, vielleicht sogar einen tödlichen.
Ich rief Uwe an und schilderte ihm aufgebracht die Sachlage. "Ruf die Genossenschaft an", riet er mir erneut.
Ich ließ mir die Sache während der Arbeit am nächsten Tag durch den Kopf gehen, da mir noch immer der Ärger mit der Berliner Genossenschaft im Kopf herumspukte, doch am selben Abend hatte sich auch dieses Problem ohne mein Zutun erledigt. Plötzlich hingen nicht nur alle Lampen sondern auch alle Steckdosen an nur einem Schaltkreis. Wieder hatte ich die Sachlage allein mit Uwe und ausschließlich Telefon besprochen. Stimmte meine Befürchtung? Hatte ich tatsächlich Mithörer in der Leitung?
Schockierender noch empfand ich die Ereignisse wenig später. Über dem Spiegel im Badezimmer hängt ein schwaches Zwanzig-Watt-Halogenlämpchen mit einem zwischengeschalteten Trafo. Dieses Lämpchen begann kurz nach meinem Einzug zu flackern. Anfangs nicht immer, dann aber immer öfter und schließlich ununterbrochen. Ich wechselte die Birne aus, ich überprüfte die Anschlüsse. Die Lampe flackerte munter weiter. Als Uwe nun eines Nachmittags aus Hildesheim zu Besuch kam, zeigte ich ihm das flackernde Lämpchen.
"Besorg dir einen neuen Trafo und eine neue Lampe. Sollte die neue Lampe dann ebenfalls flackern, kannst du davon ausgehen, dass sich jemand in deine Stromleitung eingeklinkt hat." War es möglich, über Stromleitungen zu funken, fragte ich mich irritiert. Das Internet sagte ja.
Danach gingen Uwe und ich lange spazieren. Wieder zurück verabschiedete ich Uwe unten auf der Straße. Ich hingegen stiefelte seufzend die Treppen wieder hoch und knipste im Bad das Licht an. Hallelujah, ein Wunder war geschehen! Das Lämpchen, das zwei Jahre lang geflackert hatte, flackerte nicht mehr und hat bis heute nicht wieder damit angefangen. Uwe und ich hatten im Badezimmer gestanden, als er mir den Rat mit der neuen Lampe gab. Musste ich jetzt davon ausgehen, dass ich nicht nur einen Mithörer im Telefon hatte sondern auch, dass irgend jemand hören konnte, was in meiner Wohnung gesprochen wurde?
In Berlin waren mir die Idioten auf dem Dachboden gefolgt, sobald ich das Zimmer wechselte. Ich hatte ihre Schritte auf der Holzdecke hören können. Als ich über ein nicht existentes Handy ein fingiertes Telefongespräch führte, waren mir drei Tage lang die Freunde des Funkers auf Schritt und Tritt gefolgt. Dort hatte ganz offensichtlich jemand gehört, was ich so in meiner Wohnung trieb. Nun auch in Hameln? Doch wie hörte man von außen Wohnungen ab? Die Sache war und blieb mir ein Rätsel.
Hatte ich jemals meinen Wohnungsschlüssel aus der Hand gegeben, wenn ich übers Wochenende verreiste? Nein, niemals! Oder war ich doch einmal schwach geworden? Dann fiel es mir ein. Natürlich: kurz vor meinem Wochenendtrip im vergangen Herbst an die Ostsee, hatte mich ein gewisser Jemand regelrecht bedrängt. Alle gäben ihre Schlüssel ab, wenn sie verreisten, nur ich eben nicht. "Was, wenn es einen Wasserrohrbruch gibt? Was, wenn Feuer ausbricht?"
Er hatte mich in einem schwachen Moment erwischt. Ich war müde, ich war groggy, ich gab ihm dem Schlüssel. Für vier lange Tage. Das war zu einer Zeit gewesen, bevor ich auch meiner unmittelbaren Umgebung gegenüber misstrauisch wurde. Jetzt lauschte ich dem Klicken im Telefon, ich lauschte dem Klicken in den Räumen meiner Wohnung und mir kamen ungute Gedanken. Was, so fragte ich mich, klickt da und vor allem wo? Das Geräsch ließ sich einfach nicht orten. Jetzt wurde mir wirklich mulmig zumute. Ich fuhr zum Baumarkt und kaufte ein neues Wohnungsschloss. Im Media Markt besorgte ich mir ein neues Telefon. Ein schnurloses Telefon. Der Himmel mochte wissen warum, aber in meiner Panik bildete ich mir ein, schnurlose Telefone seien sicher.
Später am selben Tag saß ich gerade im Wohnzimmer und trank eine Tasse Kaffee, als mich plötzlich eine sonore Männerstimme laut und deutlich auf Englisch aufforderte, ihm die Landeerlaubnis auf dem Hannoverschen Flughafen zu erteilen. Um ein Haar hätte ich vor Schreck unter der Decke gehangen. Eine Antwort des Towers gab es nicht mehr. Während ich auf die Füße sprang und hektisch zu suchen begann, hörte ich von der Zentrale der Hamelner Polizei den Einsatzbefehl an einen Streifenwagen, sich direkt zur neuen Weserbrücke zu begeben, dort gäbe es einen Stau wegen eines Auffahrunfalls. Dann war auch dieses Gespräch weg, und Sekunden später beschrieb ein Funkamateur einem anderen die Leistungsmerkmale seiner Funkanlage. Der Lautsprecher, aus dem all dies schallte, war schnell gefunden. Mein Radiowecker. Der Radioteil war an, was ich nicht gemerkt hatte, weil der Zeiger genau dort am Ende der Skala stand, wo kein Programm mehr empfangen werden konnte. Stattdessen empfing er ganz offensichtlich den Empfang von etwas, was eigentlich nur ein Funkscanner sein konnte. Während ich den Radiowecker noch ganz verblüfft anstarrte, setzte irgendwo unter mir Fußgetrappel ein. Zufall oder nicht, aber mit einem Mal war der Spuk vorbei. Sollte irgend jemand in meiner Umgebung einen Funkscanner besitzen?
Ich recherchierte ein wenig im Internet. Funkscanner, so erfuhr ich, werden hauptsächlich von Funkamateuren und CB-Funkern genutzt. Sie scannen mit großer Geschwindigkeit die Funkfrequenzen über die gesamte Bandbreite aller zugelassenen Frequenzen ab, und halten einen Moment im Suchlauf inne, sobald sie Funkverkehr gefunden haben. In Gesprächspausen nehmen sie den Suchlauf wieder auf, es sei denn, man drückt die sogenannte Hold-Taste. Das erklärte das rasche Nacheinander von Pilot, Polizist und Funkamateur in meinem Radiowecker. Niemand hatte die Hold-Taste gedrückt. In manchen Fällen, so erfuhr ich weiter, hören Reporter, denen es vor nichts mehr graut, den Polizeifunk ab, um am Tatort zu sein, solange die Leiche noch warm ist. Was, so fragte ich mich, konnte man mit einem Funkscanner noch so alles anstellen?

Ich recherchierte intensiver. Aha, man konnte ihre Frequenz auf die Frequenz von Minisendern einstellen, die man Gott weiß wo in fremden Wohnungen versteckte. So also ließen sich harmlose Mitbürger abhören, auch, wenn sie hinter noch so dicken Mauern wohnten.
Toll, dachte ich, gleich kriegt deine Paranoia Flügel und du flatterst der Sonne entgegen. Doch da war immer noch das Klicken in den Zimmern meiner Wohnung. Klickten Wanzen, wenn sie sich einschalteten? Einen Moment lang grübelte ich beunruhigt über meine Aktivitäten der letzten Wochen nach. Innerhalb der Wohnung, meine ich. Irgend etwas, das das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen hatte?
Okay, dachte ich dann nach einer plötzlichen Eingebung. Wenn dich, rein theoretisch natürlich nur, ein Funkscanner abhören kann, kannst du selbst, natürlich ebenfalls nur rein theoretisch, die Minisender, so es denn welche gibt und wer auch immer sie versteckt haben mag, ebenfalls mit einem Funkscanner aufspüren. Ich bestellte mir über das Internet ein Handgerät im Elektronikhandel. Die vierzehn Tage, die ich auf die Lieferung wartete, genoss ich die Vorzüge meines neuen, schnurlosen Telefons. Bis mir auffiel, dass jedes Mal, wenn es klingelte, von irgend wo durch Wände oder Decken ein lauter Ton zu hören war. Zufall?, fragte ich mich beim zehnten Mal.
Ich ging ins Internet. Schon wieder. Schnurlose Telefone senden ebenso wie Handys innerhalb bestimmter Funkfrequenzen. Wer immer einen Funkscanner besitzt, braucht diese Frequenzen nur absuchen, sowie er durch die Wand hindurch das Klingeln eines Telefons hört. Der Scanner hält in seinem Suchlauf inne. Wer-auch-immer drückt die Hold-Taste, speichert die Frequenz ab, und hat darüber hinaus noch die Möglichkeit, eben dieser Frequenz eine Priorität zuzuordnen. In diesem Fall ignoriert der Funkscanner andere Frequenzen, auf denen parallel geredet wird und schaltet sofort auf die Prioritätsfrequenz um. Dann setzt man seine Kopfhörer auf und hört dem Telefonat zu. So einfach ist das.
Einfach? Klar, dachte ich. Rein theoretisch oder für Funkamateure schon, aber für uns Laien wohl kaum. Mein Funkscanner kam, ich arbeitete mich durch die kurze Bedienungsanleitung, dann startete ich den Suchlauf. Scannen ist erlaubt, solange man nicht die sogenannten BOSS-Kanäle abhört wie Polizei, Feuerwehr, Rettung etc. Tat ich nicht, ich suchte nach Wanzen. Was ich fand, waren ein paar Kanäle mit Funkamateuren, die sich über ihre Anlagen austauschten. Die Funkfrequenz für Wanzen stand nicht auf der mitgeschickten Frequenzliste, und so fand ich auch keine. Dafür fand ich etwas anderes. Am späten Nachmittag geriet ich auf irgend einer Frequenz an eine Frau, die ihrem Vater gerade erzählte, was sie zum Abendessen kochte, und ihn dann fragte, ob sie ihn später zurückrufen könnte. „Ich kann jetzt nicht solange telefonieren,“ sagte sie. „Meine Kartoffeln brennen gleich an. Bist du gegen acht zu Hause?“
Ich erstarrte und griff hastig zur Frequenzliste. Mein Funkscanner stand im Frequenzbereich für schnurlose Telefone! Wenn ich diese Frequenz eingespeichert und darüber hinaus den Scanner dahingehend programmiert hätte, dass er nicht nur im Suchlauf inne hält, sobald die Frau zum Telefon greift sondern auch noch einen lauten Ton von sich gibt (nur ein Handgriff), könnte ich ihr den Rest meines oder ihres Lebens beim Tefonieren zuhören. Tag und Nacht, vorausgesetzt, ich ließ den Funkscanner durchlaufen.
Geschockt stellte ich den Scanner aus. In diesem Moment klingelte mein eigenes Telefon und von irgendwo durch Wände oder Decken gab es einen lauten Ton. Rein theoretisch könnte es natürlich trotz allem Zufall sein, doch rein theoretisch könnte einiges, was mir geschah, dem Zufall zugeordnet werden (mit Ausnahme der anonymen Anrufe, der Beschimpfungen, der selbständigen Umorientierung meiner Stromschaltkreise etc. etc.), nur die Häufung derartiger Zufälle lässt den Vorsatz wahrscheinlicher erscheinen. Vorsichtshalber schaffte ich jedenfalls das schnurlose Telefon wieder ab. In den nächsten Tagen hörte ich über Scanner mein eigenes Radio und mein eigenes Fernsehen. Mir wurde schnell klar, so lautlos ich mich nach außen hin auch in meiner Wohnung bewegte, so transparent wurde mein Tun unter Umständen für Außenstehende.
Der berühmte gläserne Mensch ist keine Zukunftsvision mehr, es gibt ihn bereits. Wenn heute mein Telefon klingelt, gibt es von nirgendwo her mehr einen Ton, nur klickt mein Festnetzanschluss wieder, und jedes dritte oder vierte Mal ist das Gespräch einfach weg, was ich erst daran merke, dass ich rede und rede, aber keine Antwort mehr erhalte. Es gibt kein Freizeichen, kein Besetztzeichen, kein Nichts. Das Telefongespräch ist einfach weg. Was bleibt, ist aufzulegen und neu anzurufen.
Im letzten Herbst spazierte ich an einem schönen Tag durch den Bürgergarten, Hamelns Stadtpark. Ich schlenderte gerade einen schmalen Weg dicht am Begrenzungszaun hinunter, als ich schnelle Schritte hinter mir hörte. Im nächsten Moment bekam ich einen Schubs, der mich im Beet landen ließ, und während ich noch mit meinem Gleichgewicht und der Schwerkraft kämpfte, hörte ich von dem Kerl, der mich geschubst hatte, ein deutliches: "Verpiss dich aus Hameln."
Sehen konnte ich den Kerl nur von hinten, groß, hager und Kapuzenshirt, dann war er auch schon zum Tor hinaus und hinter der hohen Hecke verschwunden. Ich zog es vor, ihm nicht hinterherzulaufen sondern bemühte mich lieber, die Scherben meines Egos aufs neue zusammenzukitten. Ein paar Tage später ging ich nach Einbruch der Dunkelheit in der kleinen Siedlung spazieren, als mir plötzlich einfiel, dass ich vergessen hatte, die Waschmaschine anzustellen. Ich machte abrupt auf den Hacken kehrt und blieb erschrocken stehen. Etwa fünf Meter hinter mir ging ein Mann, der bei meinem Herumfahren ebenfalls erschrocken stehen blieb und hektisch versuchte, sein Gesicht abzuwenden. Im nächsten Moment fuhr auch er auf den Hacken herum und rannte wie ein Wiesel von dannen.
Vor ein paar Woche stellte ich vor dem Haus das Fahrrad ab und hörte aus einem offenen Fenster jemanden sagen, es würde ja nun Zeit, dass man mich aus dem Haus bekäme. An eben dieser Stelle endet vorerst mein Bericht. Er ist nicht vollständig. Die gravierendsten Ereignisse der vergangenen drei Jahre muss ich leider aus verschiedenen Gründen aussparen. Alles, was nicht nur mich allein betrifft, habe ich zum Schutz beteiligter Personen und mit Rücksicht auf laufende Prozesse ausgelassen.
Manchmal, wenn ich mit starken Herzrhythmusstörungen in meiner Wohnung am Schreibtisch sitze, frage ich mich nach dem Ziel der Aktion. Soll ich von einer Wohnung in die andere gehetzt werden, eine Endlosschleife quer durch Deutschland? Soll ich umgebracht oder in den Selbstmord getrieben werden?
Im Vorfeld habe ich versucht, die Veröffentlichung dieser Seiten zu vermeiden. Ich habe allen Hamelner Beteiligten die Chance eingeräumt, sich mit Anstand zurückzuziehen. Ich habe den DARC, den Deutschen Amateur Radio Club angeschrieben und um Schützenhilfe gebeten. Geantwortet hat er nicht. Ich habe ihn ein zweites, ein drittes Mal angeschrieben – mit dem gleichen Resultat. Die Stellvertreter der beiden Ortsvereine der Funkamateure in Hameln, die ich anmailte, mailten nett zurück, doch eher mit dem Spruch von Uwes Tantchen: Hameln ist nicht Berlin, hier passiert so etwas nicht.

Das verflixte 7. Jahr

Man sollte es kaum für möglich halten, aber diese schier unglaubliche Geschichte beginnt 2009 ihr siebtes Jahr. Seitdem ich mich gegen den Berliner Funker gewehrt habe sind 216 Monate vergangen oder ca. 6.500 Tage oder 156.000 Stunden, von denen ich die Tage, in denen ich von meinen Widersachern nichts sah, hörte oder spürte, an zehn Fingern abzählen kann.

Natürlich muss an dieser Stelle die berühmte Frage aller Gequälten kommen: In was für einer Welt leben wir eigentlich, in denen Geschichten wie diese geschehen können? Die Menschheit hat sich aus dem Urschlamm heraus zu etwas entwickelt, das wir stolz höhere Zivilisation nennen. Wir haben viel geleistet, die Welt bewohnbar zu machen. Wir haben mit der Erfindung von "Fluggeräten" unsere Fortbewegung revolutioniert, nachdem wir, in Relation zur Erdgeschichte, gerade erst gelernt hatten, aufrecht zu gehen. Wir haben es geschafft, unsere Lebenserwartung vom Neandertaler bis heute um das dreifache zu erhöhen. Einiges von uns haben es sogar geschafft, sich mit dem, was sie sich selbst erarbeiten, zufrieden zu geben und nicht im Kampf ums Goldene Kalb erneut die Keulen zu schwingen.

Parallel zu allem haben wir Big Boy erfunden, der mit seiner Kernspaltung tausende von Vietnamesen verglüht hat, wir basteln Phosphorbomben zusammen, deren schwelende Verletzungen sich nicht löschen lassen und die Getroffenen von innen heraus verschmoren. Wir schlachten uns gegenseitig ab, weil wir den "falschen" Religionen angehören. Und einige Unzufriedene unter uns hauen sich eben doch im Kampf um das Goldene Kalb die Köpfe ein.

Wir, die wir fernab von Phosphorbomben, Häser pulverisierenden Raketen und bluttriefenden Macheten unser Dasein fristen, finden unser Leben zumindest so lebenswert, dass wir es darin lägere Zeit aushalten. Jedenfalls die meisten von uns. Wir kämpfen uns durch die Widrigkeiten des Alltags, die Tücken der Krankheiten und meckern über die Arbeit. Einige von uns genießen ganz einfach die Tage, die ihnen auf Erden gewährt werden, andere haken mühselig Tag für Tag ab, wieder andere flüchten sich in Computerspiele wie War Crafts und ziehen sich in fiktive Paralleluniversen zurück.

Die Spezie, die sich an meine Fersen geheftet hat, zieht Realityspiele dem eigenen Leben vor. Big-Brother-Hörbücher mit Kopfhörern vor dem Funkgerät. Doch in den vergangenen sechs Jahren habe ich viel gelernt. Ich weiß mittlerweile, wie man mit einem einfachen Scanner und ein paar einfachen Sendern Wohnungen abhört, ich weiß, wie man Funkgeräte an Hausleitungen hängen, um sich einen bequemen Nebenanschluss zu dem Anschluss einzurichten, den man abhören möchte, ich weiß sogar, dass es preiswerte Software gibt, die über die Rooter von DSL- und sonstigen Anschlüssen ein- und ausgehende Telefongespräche aus fremden Wohnungen akribisch dokumentieren kann.

Ich weiß, wie man Löcher in Decken bohren muss, um Sender unter den Bodendielen einer Wohnung zu verstecken, ich weiß, wie man Heizungen und Stromleitungen nutzen kann, um Leute zu quälen. Und ich weiß noch etwas: das ideale Opfer ist derjenige, der sich nicht wehrt. War es schon seit Menschengedenken. Dieses ist das verlixte 7. Jahr, in dem, dem Volksmund nach, Ehen geschieden werden und Beziehungen auseinandergehen. Für mich ist es das Jahr, in dem ich auf meine Art zurückschlagen werde. Ich habe mich nie stärker gefühlt, seit mir die Erkenntnis kam, dass ich nichts mehr zu verlieren habe. Einige von denen, die mich gepiesackt haben, haben vielleicht schon Familien gegründet und Kinder in die Welt gesetzt. Vielleicht sind sie sogar schlauer geworden und haben begriffen, dass sie versucht haben, einen Menschen in den Tod zu hetzen. In Hameln beteiligen sich sowohl junge Leute als auch Rentner am Quälen. Es wird kein Ende geben, und diese Gewissheit und nicht zuletzt das Wissen, das ich vorher nicht hatte, meine Widersacher beim Namen nennen zu können, verleiht mir die nicht zu stoppende Energie, etwas bewegen zu wollen. Die leidige Angelegenheit mit einem Knall vom Tisch zu sprengen, der von München bis Sylt zu hören sein wird.
Ich habe Kontakte zu anderen Betroffenen geknüpft, ich habe Kontakte zu Funkern geknüpft, und wie sich 2009 herausstellen wird, ist, auf lange Sicht gesehen, die Feder noch immer stärker als das Schwert.

Ich danke all denen, die sich auf meine Seite gestellt haben, vor allem denen, die mir Namen und Infos geliefert haben, an die ich sonst nie im Leben gekommen würe. Ich bedaure all diejenigen, die die Öffentlichkeit automatisch mit verurteilen wird, weil sie Idioten in ihren Reihen haben, die nicht wissen, was sie tun.

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