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Medikamente - Mörderische Bomben PDF Drucken E-Mail

 

Medikamente - Mörderische Bomben

Das Schlafmittel Halcion steht im Verdacht, schwere psychische Nebenwirkungen zu verursachen. 

Millionen Schlaflose in aller Welt nehmen sie. US-Präsident George Bush nimmt sie. Auch sein Außenminister James Baker braucht sie bei Missionen zwischen den Kontinenten: "Zeit für eine blaue Bombe", pflegt der Texaner zu sagen, und seine Mitarbeiter wissen, was gemeint ist - Baker schluckt eine blaue Schlafpille des US-Pharmaherstellers Upjohn und legt sich ein paar Stunden aufs Ohr. 

Der blaue Ruhespender heißt Halcion und ist das meistverkaufte Schlafmittel der Welt. Es gehört, wie Valium, Librium oder Lexotanil, zur Gruppe der Benzodiazepine. Sein Wirkstoff ist Triazolam. 

In 90 Ländern der Welt ist die Schlafpille auf dem Markt. Sie gilt als Mittel "mit kurzer Wirkdauer", was ihre Beliebtheit bei Langstreckenfliegern wie Bush und Baker erklärt: Der Körper baut den Wirkstoff innerhalb von nur fünf Stunden restlos ab; wer den Schlafhelfer am Abend einwirft, sei am Morgen hellwach, behauptet zumindest die Firma.   

Auf über 20 Millionen Mark Umsatz brachte es Upjohn 1990 allein in der Bundesrepublik. Mehrere Milliarden Dollar dürfte die Firma seit Ende der siebziger Jahre weltweit mit Halcion verdient haben. Doch seit einigen Monaten sind die blauen Bomben des Herstellers in Kalamazoo (US-Staat Michigan) ins Trudeln geraten. 

Weil Meldungen über alarmierende Nebenwirkungen der Schlummerpille nicht abreißen wollten, haben die britischen Gesundheitsbehörden Halcion im Oktober letzten Jahres verboten. Auch in Norwegen, Finnland und Argentinien wurde das Präparat aus dem Verkehr gezogen, in Frankreich und Spanien darf es nur noch in der Niedrigstdosierung von einem achtel Milligramm Triazolam verschrieben werden. 

Seit Herbst letzten Jahres untersuchen Experten der US-Arzneimittelbehörde FDA die Vorwürfe gegen Halcion. In der Bundesrepublik kam es am Montag letzter Woche zu einem Showdown für den Stoff, der die Träume beflügelt.

Bei einer Anhörung im Berliner Bundesgesundheitsamt (BGA) bemühten sich Upjohn-Vertreter und Sprecher der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Bedenken gegen die blauen Bomben zu zerstreuen - offenbar mit geringem Erfolg: Die Firmenvertreter, zitierte die pharmafreundliche Frankfurter Allgemeine einen ranghohen BGA-Vertreter nach der Anhörung, hätten ein "erschütterndes Ausmaß an Unkenntnis" über die Zulassungsvoraussetzungen für Arzneimittel offenbart.

Am schwersten wiegt derzeit der Vorwurf, Upjohn habe die internationalen Arzneimittelschützer durch gefälschte Daten hinters Licht geführt. Bei Nebenwirkungsstudien in den siebziger und achtziger Jahren, so stellte der britische Halcion-Gegner und emeritierte Psychiatrie-Professor Ian Oswald nach einer Untersuchung von Firmenunterlagen fest, habe Upjohn die Ergebnisse manipuliert. 

Meldungen über Nebenwirkungen seien verschwunden oder geschönt worden, Testteilnehmer, die über schwere psychische Störungen nach der Halcion-Einnahme berichtet hatten, seien von den Untersuchungen ausgeschlossen worden. 20 Jahre lang habe die Firma von den Nebenwirkungen gewußt und dennoch geschwiegen. "Das Ganze", so Oswald, "war ein einziger großer Betrug."

An dunkle Machenschaften scheinen auch die Experten im Berliner BGA zu glauben. Auf Veranlassung des Amtes prüft derzeit die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin den Vorwurf, Upjohn habe sich die Zulassung für Halcion durch gefälschte Testprotokolle erschlichen.

Nur in rund 70 Fällen habe die Schlafdroge bisher in der Bundesrepublik Probleme verursacht, erklärten Ärztevertreter bei der Anhörung in Berlin. In Amerika dagegen melden sich Halcion-Geschädigte in Scharen schon seit Mitte der achtziger Jahre. Den US-Autor William Styron etwa stürzten die blauen Pillen in abgrundtiefe Depressionen.

Der Schriftsteller lebte am Rande des Selbstmords. Die Pillen "haben mich verrückt gemacht, aber niemand kam auf die Idee, daß mein Zustand etwas mit Halcion zu tun haben könnte", klagte ein Leidensgenosse Styrons. Zehn Tage nachdem der Arzt die Schlafpillen abgesetzt hatte, berichtete der Mann, "war ich wieder auf dem Damm, ich war wieder ich selbst". 

Halcion-Schlucker haben nach Angaben von Pharmakritiker Oswald ein dreifach höheres Risiko, unter unliebsamen Nebenwirkungen zu leiden als die Konsumenten vergleichbarer Schlafpillen. Verbürgt sind in der Liste der möglichen psychischen Ausfallerscheinungen Verfolgungswahn, Selbstmordneigung, Verwirrtheit, Erregungszustände, Wutanfälle, paradoxe Reaktionen, Persönlichkeitsveränderungen und kurzzeitiger Gedächtnisverlust.

Opfer solcher "Filmrisse" etwa hatten am Abend tief schlafen wollen, um am nächsten Vormittag für eine Tagung fit zu sein. Doch aus dem Halcion-Schlummer kehrten sie erst am darauffolgenden Nachmittag zurück - am Meeting hatten sie dennoch teilgenommen, wie ihre Notizen unzweifelhaft bewiesen.

Mit acht Schüssen streckte die Amerikanerin Ilo Grundberg 1988 ihre 83jährige Mutter nieder und schob ihr nach der Bluttat eine Geburtstagskarte in die Hand. Das Schwurgericht sprach die Frau aus dem US-Staat Utah frei, weil sie unter der Wirkung von Halcion nicht sie selbst gewesen sei.

Nach dem Freispruch verklagte die Amerikanerin den Halcion-Hersteller Upjohn auf 21 Millionen Dollar Schadensersatz. Kurz vor Prozeßbeginn, im August 1991, schlossen die Firmenmanager einen Vergleich: Die unfreiwillige Muttermörderin bekam Gerüchten zufolge ein Schweigegeld in Höhe von 8 Millionen Dollar. In den achtziger Jahren hatte Upjohn nach Aussagen eines Firmenarztes mehrfach ernsthaft erwogen, die mögliche Nebenwirkung "Mord" in den Halcion-Beipackzettel aufzunehmen.

Gleichwohl betrachten sich die Halcion-Hersteller als Opfer einer Rufmord-Kampagne: "Wir haben Millionen von Patienten da draußen; wir würden doch nicht absichtlich etwas auf den Markt bringen, an dessen Sicherheit und Wirksamkeit wir Zweifel haben." Die deutsche Ärzte Zeitung nannte die Kontroverse im November letzten Jahres einen "Sturm im Wasserglas". Die meisten Halcion-Konsumenten, so das Blatt, kämen mit den Pillen gut zurecht.

Prominenten Schlafsuchern wie US-Präsident George Bush raten die Mediziner dagegen neuerdings zur Vorsicht. Beobachter hatten bemerkt, daß Bushs Sprache bei Reden gelegentlich verwaschen klang. Auch sein Schwächeanfall beim Festbankett in Japan, wo Bush zum Entsetzen seiner Gastgeber plötzlich vom Stuhl gefallen war, habe womöglich, so argwöhnten sie, mit den blauen Pillen zu tun gehabt.

Präsidentensprecher Marlin Fitzwater ließ inzwischen wissen, die Gefahrenquelle sei beseitigt - Bush werde künftig auf Halcion verzichten. 

 

DER SPIEGEL 9/1992

 

Missbrauchte DDR-Patienten

Westkonzerne testeten Medikamente

Die klamme DDR hat in den 80er Jahren verstärkt versucht, harte D-Mark zu „erwirtschaften“. Gesundheitsministerium und Staatssicherheit kamen so auf die Idee, westlichen Pharmafirmen Medikamententests an DDR-Patienten anzubieten. Pharmatests waren "ein gutes Geschäft"

Der Pharmahistoriker Professor Christoph Friedrich von der Philllipps-Universität Marburg erklärt im Frontal-Interview, warum Medikamententests in der DDR für westdeutsche Pharmafirmen ein "gutes Geschäft" waren. 

von Joachim Bartz und Stefan Hoge

Hoechst, Schering, Bayer und viele andere namhafte Pharmakonzerne machten mit – und dabei gute Geschäfte. Denn die Tests in der DDR waren mindestens zehn bis 30 Prozent billiger als im Westen. Zudem nahm es die DDR mit ethischen Grundsätzen nicht so genau: Viele Patienten wurden über die Tests nicht aufgeklärt. 

Stasi-Beauftragte fordert bundesweite Aufklärung

Nach Recherchen von Professor Christoph Friedrich vom Institut für Geschichte der Pharmazie an der Philipps-Universität Marburg fanden die Studien DDR-weit, an 185 sogenannten Prüfeinrichtungen, statt. Der Pharmakologe aus der DDR erforscht derzeit mit seinen Kollegen die Pharmaversuche westlicher Konzerne an DDR-Patienten. Nach seinen Erkenntnissen wurden mindestens 3000 Patienten zu Testpersonen. Frontal21 liegen Belege vor, wonach allein 1988 und 1989 mindestens 14 Patienten während der Tests verstarben. 

 

 

Die Thüringer Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, Hildigund Neubert, fordert nun eine bundesweite Aufklärung der Pharmaversuche. "Das Bundesgesundheitsministerium sollte sich unbedingt an dieser Forschung beteiligen". Es reiche nicht, das auf die Charité abzuschieben, sondern es müsse eine bundesweite Studie erfolgen, die nicht nur die klinische Seite betrachte, sondern auch die Seite der ökonomischen und politischen Interessen. Die Brandenburger CDU hat bereits erwirkt, dass Patientenakten in Brandenburg auch nach 30 Jahren noch aufbewahrt werden – um Opfer der Pharmaversuche entschädigen zu können.

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ZDF  Redaktion Frontal21