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Manfred Nowak PDF Drucken E-Mail

In 90 Prozent aller Staaten der Welt wird gefoltert 

(German)

bim.lbg.ac.at/en/un-special-rapporteur-torture/manfred-nowak-presented-his-new-book-folter-all... - 14k

Auch in Europa und demokratischen Systemen wird gefoltert – so der Vorwurf des früheren UN-Sonderberichterstatters Nowak. Er reiste für Recherchen jahrelang um die Welt.

Manfred Nowak


http://youtu.be/5r-C1LFU5Yg

 

Folter in Europa und demokratischen Systemen 

Sechs Jahre, von 2004 bis 2010, reiste der österreichische Jurist und Wissenschaftler Nowak (61) im Auftrag der Vereinten Nationen um die Welt. Sein Auftrag: Verstöße gegen die Menschenrechte, insbesondere Folter, zu dokumentieren. Auf jedem Kontinent und in jeder Staatsform stößt er auf Gewalt und Folter, verübt von Polizisten oder Geheimdienstlern. Auch Europa und demokratische Systeme sind nicht ausgenommen. 

"Folter. Die Alltäglichkeit des Unfassbaren", heißt sein in diesen Tagen erschienener Bericht. 

Der Folter-Raum in Nigeria ist keine Ausnahme. In Kathmandu, Nepal, inspiziert Nowak das große, alte Hauptquartier der Polizei mitten in der Stadt. Im Keller vegetieren zahllose Gefangene in überfüllten Zellen vor sich hin. Im obersten Stockwerk wird gefoltert, beschreibt Nowak die Szenerie.

Um Geständnisse zu erzwingen, werden die gefesselten Häftlinge stundenlang mit dem Kopf nach unten aufgehängt, mit Bambusstöcken geschlagen und mit Elektroschocks gequält. Die Dumentation der Folter ist nicht einfach. Polizisten und Geheimdienste auf der ganzen Welt streiten alles ab. Das Team um Nowak befragte Gefangene und fotografierte Zellen und Folterräume; der Gerichtsmediziner untersuchte Verletzungen und verglich sie mit den Schilderungen. 

Mit den Beweisen konfrontiert, meinte der Polizeipräsident von Kathmandu, die Besucher sollten jetzt bitte nicht glauben, dass alle Gefangenen gefoltert würden. Nur jene, die lügen und ihre Taten abstreiten würden. Dann sei klar: "A little bit of torture helps" ("Ein bisschen Folter hilft"). 

Viele Staaten versuchten mit allen Mitteln, Untersuchungen zu verhindern oder zu behindern. Das Gefangenenlager der USA in Guantánamo durfte Nowak nicht besuchen. Seinen Bericht über massiven Schlafentzug, monatelange Dunkel- und Einzelhaft oder das sogenannte Waterboarding verfasste er nach Befragungen von Ex-Gefangenen trotzdem. 

Die im Detail vorbereitete Recherche-Reise nach Russland verweigerte der Putin-Staat 2006 kurzfristig. In China wurden die Handys abgehört, politisch verfolgte Gesprächspartner verschwanden vor Treffen und Geheimdienstagenten folgten den Teammitgliedern bis auf die Toilette. Kuba verschob eine geplante Reise immer wieder, bis die Amtszeit von Nowak ablief. 

In China geht es um Politik. Durch Folter und Gehirnwäsche werden Oppositionelle gebrochen, um sie dann umzuerziehen. Die Methoden haben sich seit Jahrhunderten kaum geändert. Gefesselte Menschen werden an Armen, Beinen oder wie in Sri Lanka an den Daumen aufgehängt. Schläge mit Peitschen oder Eisenstangen sind üblich. Folterer reißen ihren Opfern Fingernägel aus, verbrennen sie mit Bügeleisen oder setzen Elektroschocks ein. Frauen wie Männer werden systematisch vergewaltigt.  

Folter sei in ihrer Wirkung für andere Menschen mit dem Verstand nur unzureichend zu fassen, analysiert Nowak, der jetzt das Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte in Wien leitet. Daher verbanne die Vorstellungswelt sie unwillkürlich in das Mittelalter oder auf ferne Kontinente.

 

Folter in 90 Prozent der Staaten  

Seine Untersuchungen zeigten aber, "dass die Folter zur alltäglichen Routine der Polizei im Großteil der Staaten des 21. Jahrhunderts gehört". Nicht nur für die Geheimpolizei sogenannter Schurkenstaaten – sie sei auch Teil des Standardrepertoires der normalen Kriminalpolizei, auch in Demokratien.Das Resümee des früheren UN-Sonderberichterstatters Nowak in seinem Buch über seine Recherchen: In 90 Prozent der Staaten wird gefoltert.

Folter: Die Alltäglichkeit des Unfassbaren  

Als Sonderberichterstatter über Folter der Vereinten Nationen hat der renommierte Menschenrechtsexperte Manfred Nowak in den Jahren 2004 bis 2010 die Folterpraktiken und Haftbedingungen weltweit untersucht. Unter dem Schutz der UNO war es ihm möglich, die Haftstätten mit seinem Team unangekündigt und unbeobachtet zu inspizieren, vertrauliche Gespräche mit Häftlingen zu führen und die Spuren der Folter zu dokumentieren. In mehr als 90 Prozent aller Staaten kommt Folter vor, in der überwiegenden Mehrheit wird sie routinemäßig von der Polizei zur Erpressung von Geständnissen oder Informationen verwendet. In ihrem Krieg gegen den Terror hat die Bush-Regierung sogar versucht, die Folter als notwendiges Instrument zur Wahrheitsfindung wieder zu legitimieren. In seinem Buch berichtet Manfred Nowak, wie man Folter erkennt, von seiner Arbeit, den Methoden zur Untersuchung der Folter und den damit verbundenen Schwierigkeiten, über die Folter und ihre Ursachen, über konkrete Erfahrungen in vielen Ländern, über die einfache Möglichkeit, Folter bei entsprechendem politischen Willen wirklich abzuschaffen. Die Zeit übertitelte ein Porträt Manfred Nowaks mit Ein Mann, der leuchtet er bringt Licht in ein düsteres Kapitel unserer Zeit. Und er schafft Öffentlichkeit für ein Thema, bei dem viele am liebsten wegsehen.

Manfred Nowak ist Professor für internationales Recht und Menschenrechte an der Universität Wien sowie Gründer und wissenschaftlicher Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Menschenrechte in Wien. Zwischen 1993 und 2006 hatte er verschiedene Funktionen als UNO-Experte für erzwungenes Verschwindenlassen inne; von 1996 bis 2003 war er einer von acht internationalen Richtern an der Menschenrechtskammer für Bosnien und Herzegowina in Sarajevo; und zwischen 2004 und 2010 übte er das Mandat des UNO-Sonderberichterstatters über Folter aus. 

Die Reaktionen auf dieses Buch reichen von 'Ich kann gar nicht so viel essen wie ich k' möchte' bis hin zu resignierendem Kopfschütteln. Empörung macht sich breit. Denn Manfred Nowak nimmt kein Blatt vor den Mund. Bis vor einigen Jahren war der UN-Sonderberichterstatter über Folter. Sein Wissen über Folter und unmenschliche Haftbedingungen (was oft ein und dasselbe ist) bezieht er nicht aus engagierten Zeitungen und Zeitschriften, er hat vor Ort mit Betroffenen gesprochen, die verheerenden Auswirkungen mit eigenen Augen gesehen. Als er das erste Interview mit einem Folteropfer führte, musst er das Gespräch abbrechen und sich der eingangs ersten Reaktion geschlagen geben. 

Es ist zynisch zu behaupten, dass Folter die Alternative zum 'Ganz oder Gar nicht' ist. Entweder man redet und gesteht, was der Gegenüber hören will oder man bekommt die prompte Reaktion des Fordernden zu spüren. Dazwischen ist viel Platz. Und der gehört ausgefüllt.   

Bei seinen Kontrollen, die Manfred Nowak rund um den Erdball führten, traf er fast immer auf geschlossene Türen, taube Ohren und ignorante Despoten. Doch sein diplomatisches Geschick, sein Gespür für die notwendigen Winkelzüge der entsprechenden Situation öffneten oft nicht nur Türen. Eingeschüchterte Folteropfer wurden gesprächig, obwohl sie davon ausgehen konnten, dass sie nach dem Interview noch mehr Pein zu ertragen hatten. Sie sind die wahren Helden des Buches. Denn sie legen Zeugnis ab, über das, was wir nur lesen können.   

Auf der letzten Umschlagseite ist Manfred Nowak zu sehen: Er kann noch lachen bzw. lächeln. Es ist kein Zynismus, der ihn noch lächeln lässt. Es ist die Hoffnung, dass seine Arbeit nicht umsonst ist. Die Zustände in Gefängnissen in Nigeria, China, Nepal, Äquatorial-Guinea oder Uruguay sind menschenunwürdig. Ein Großteil der Tiere auf der Welt lebt angenehmer. Folter wird in vielen Ländern der Erde als normal angesehen. Wer sofort gesteht, wird bevorzugt behandelt. Wer Geld hat, ist kaum Repressalien ausgesetzt. So funktioniert unsere Welt. Fehden werden mit dem Blutzoll beigelegt, aber nur zeitweilig. Diktatoren sichern ihre Macht mit unvorstellbarer Härte gegenüber dem eigenen Volk. Sadistische Wärter sichern ihr Revier mit brennenden Zigaretten, Stromkabeln oder Knüppeln. Das alles hat Manfred Nowak gesehen. 

Staaten sichern freies Geleit und freien Zugang zu den Gefängnissen zu. Beim Lokaltermin ist alles hinfällig ' doch Manfred Nowak und sein Team geben nicht auf. Sie bekommen meist, was sie wollen. Ihr Mandat ist länderübergreifend. Potemkinsche Dörfer wie in Kasachstan entlarven sie sofort. Diktatoren wird der Spiegel vorgehalten. Das hilft niemals sofort. Doch ihre Arbeit wirkt. In manchen Staaten regt sich etwas, die Wende zum Guten wird bereits eingeleitet ' leider für viele zu spät.
'Folter ' Die Alltäglichkeit des Unfassbaren' liest sich leicht im Stile, der Inhalt lässt den Leser erschauern und innehalten. Denn Folter ist kein Phänomen der armen Staaten, es geschieht teils vor unserer eigenen Haustür. Die selbsternannte Demokratie der USA ist mit Guantanamo ein Paradebeispiel für Folter und entwürdigende 'Unterbringung' von Gefangenen, die oft kein Gericht von innen gesehen haben. Doch weder ein George Walker Bush noch ein hierzulande unbekannter Diktator am anderen Ende der Welt konnten die Neugier und den Rechercheauftrag von Manfred Nowak stoppen. Das Ergebnis: 240 Seiten Grauen, das gelesen werden muss, um aufzurütteln.
 
 

Manfred Nowak redet Klartext. Im deutschsprachigen Raum ist Manfred Nowak einer der erfahrensten Menschenrechtsexperten, wenn es um Folter und staatliche Gewalt auf der ganzen Welt geht. Er war UN-Sonderberichterstatter über Folter und sein Wissen über diese Unmenschlichkeiten und die entsprechenden Haftbedingungen sowie den teils unsagbaren Zuständen kennt er aus eigenen Beobachtungen. In der Sendung "Folter bei der CIA - Enthüllungen eines Spitzenagenten" der Reihe "Titel, Thesen, Temperamente" vom 15. April kam er ebenfalls zu Wort. Er sprach mit Betroffenen und musste eine schier unüberwindbare Mauer an Ignoranz und Schweigen überwinden, um dennoch mit seiner Hartnäckigkeit Tür und Tor zu einer gänzlich anderen Welt aufzutun, die einem den gruseligen Schauer über den Rücken laufen lässt.   

Wie scheinbar demokratisce Systeme Folter als Mittel zum Zweck anwenden, ohne auch nur ein klein wenig die Menschenwürde zu beachten, ist schon mehr als gruselig. Doch dieser Angriff auf die Menschenwürde ist keine plumpe Story eines Hollywood-Krimis, sondern bittere Realität. Prinzipiell als Menschenrechtsverletzung weltweit verboten und geächtet, glauben viele, dass Folter, Sklaverei und Völkermord einer bitteren Vergangenheit angehören und im 21. Jahrhundert - wenn überhaupt praktiziert - eher eine seltene Verfehlung ist, aber eben weit gefehlt. Die Folter ist alltägliche Routine, sowohl in sogenannten "Schurkenstaaten", als auch in den so hochwohllöblichen Demokratien. Die persönlichen Erfahrungen des Autors bilden den Grundstein für dieses aufrüttelnde Buch. Mit seinen Teams gelang es ihm, einen traurigen Blick hinter die Kulissen von Gefängnissen und Polizeidienststellen der Welt zu erhalten. Dabei verurteilt er nicht die Regierungen dieser Staaten, sondern macht das Unfassbare fassbar. Es ist ein schwerwiegender Ansatz für die Thematik, diese zur Diskussion zu stellen und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man sich für solche Gräueltäten empören kann. Wie lange wird die Unterdrückung von Menschen durch Menschen noch andauern? Das Buch ist der richtige Schritt in die richtige Richtung.     

www.amazon.de/Folter-Alltäglichkeit-Unfassbaren-Manfred-Nowak/dp/3218008336 - 217k 

Laut Nowak wird Folter weltweit vor allem deshalb weiter angewandt, weil sie im Verborgenen stattfinden kann. 

 

Manfred Nowak: "Folter - Die Alltäglichkeit des Unfassbaren"  

Verlag Kremayr & Scheriau, 239 Seiten, 22,00 Euro 

ISBN: 978-3-218-00833-4 

 


 

Von Wiebke Lehnhoff

Sie ist international geächtet und gehört doch in vielen Teilen der Welt zum Alltag. Das zeigt Manfred Nowak in seinem ebenso erschütternden wie lesenswerten Buch "Folter: Von der Alltäglichkeit des Unfassbaren". Im Auftrag der UNO hat er 18 Länder bereist und geprüft, ob und wie dort gefoltert wird.   

"Wir können Folter beschreiben oder definieren, aber wirklich erfassen können wir nicht, was Folter beeutet, wenn wir sie nicht selbst erlebt haben. Wir versuchen, uns in das Leiden der Gefolterten hineinzufühlen, aber ab einem bestimmten Punkt versagt unsere Vorstellungskraft. Als ich vor nunmehr 35 Jahren mein erstes Interview mit einem Folteropfer versuchte, wurde mir schlecht. Ich konnte es physisch und psychisch nicht ertragen, mich in seine Leiden und Qualen wirklich hineinzuversetzen."

Der Österreicher Manfred Nowak kam als Jurist zum Thema Menschenrechte und Folter. Mehrere Jahre arbeitete er als Richter an der Menschenrechtskammer für Bosnien und Herzegowina. Im Anschluss ernannte ihn die UNO 2004 zum "Sonderberichterstatter über Folter, grausame unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe". Dieses unbezahlte Amt übte Nowak bis 2010 aus. Dabei reiste er mit seinem Team in 18 Staaten und untersuchte dort die Zustände in Gefängnissen, Polizeizellen oder geschlossenen Anstalten. Unter dem Schutz der UNO inspizierte er die Einrichtungen meist unangekündigt, sprach vertraulich mit Häftlingen und dokumentierte Folterspuren. Aus Jordanien beschreibt Nowak:"Es gelang uns auch, das Haftzentrum des Geheimdienstes mit seinen Einzelzellen und den berüchtigten Verhörräumen zu inspizieren. Dort werden Häftlinge oft für viele Stunden mit Falanga, also Schlägen auf die Fußsohlen, malträtiert und danach gezwungen, über Salz zu gehen, was die Schmerzen fast unerträglich macht und dazu beiträgt, dass die Wunden auf den Sohlen schneller verheilen und damit der Folterbeweis früher verschwindet." 

Nowak erzählt nüchtern und klar strukturiert von seinen schrecklichen Beobachtungen. Trotzdem schimmert durch, wie betroffen oder entsetzt er von den jeweiligen Zuständen ist. - Vor den einzelnen Länderberichten erklärt der Jurist gut verständlich verschiedene Aspekte seiner Aufgabe und beantwortet Fragen zur Folter. Dabei spricht er auch das Thema "Rettungsfolter" an. Es wurde in Deutschland diskutiert, nachdem 2002 der Junge Jakob von Metzler entführt und ermordet worden war. Die Polizei hatte gehofft, ihn noch lebend zu finden, und dem Entführer Folter angedroht. Manfred Nowak ordnet den Fall ein:"Herr Daschner, der Vize-Polizeipräsident von Frankfurt, wurde ja auch deswegen verurteilt, allerdings hat man ihm zu Recht mildernde Umstände gegeben, weil es faktisch für einen guten Zweck war: Nämlich er hat gehofft, noch das Leben des Kindes retten zu können. Aber was wesentlich ist an diesem Fall: Folter darf nie, in keinem auch noch so moralisch möglicherweise gerechtfertigten Fall rechtlich zulässig werden. Und das ist genau die Diskussion mit dem Begriff der Rettungsfolter: Die gibt es nicht! Folter ist immer Folter, absolut verboten, auch im Ausnahmezustand." 

In Deutschland ist es sowohl strafbar, eine Person zu foltern, als auch, ihr Folter anzudrohen, um eine Aussage zu erpressen. So erzwungene Äußerungen dürfen außerdem nicht in Gerichtsverfahren verwertet werden. Auch international ist Folter eigentlich geächtet - trotzdem entdeckte Nowak auf seinen Missionen in fast jedem der 18 Staaten mehr oder weniger deutliche Hinweise auf Folter oder unmenschliche Behandlung. "Am Schlimmsten war es ganz sicherlich in Äquatorialguinea: systematische Folter, das heißt als Regierungspolitik in einer Diktatur, nicht nur gegen politisch Andersdenkende, sondern auch gegen Personen, die einer normalen Straftat verdächtig waren, und ganz fürchterliche Haftbedingungen."Aber nicht nur die Foltermethoden prangert Manfred Nowak in seinem lesenswerten Buch an, sondern auch die Haftbedingungen. In Jamaika sah er rund 160 Häftlinge zusammengepfercht in wenigen Zellen, die mit Ungeziefer verseucht waren. Als Toiletten dienten überquellende Plastiksäcke. "Die Haftbedingungen fand ich in Jamaika - vor allem in der Polizeihaft - und in Uruguay - in den Gefängnissen - völlig inakzeptabel, aber generell würde ich von einer wirklich globalen Krise der Haft sprechen, denn in den meisten Ländern der Welt sind die Gefängnisse überfüllt und entsprechen nicht den Mindeststandards der Vereinten Nationen." Das stellte Nowak auf fast allen seinen Missionen fest, auch in Griechenland. Dort fand er Flüchtlinge aus Nordafrika oder dem Nahen Osten dicht an dicht in zu kleinen und heruntergekommenen Haftanstalten. Das sei "unmenschlich", sagt der 61-jährige Nowak, inzwischen Professor für Internationales Recht und Menschenrechte in Wien. Er fordert mehr Mitgefühl für Häftlinge. Fehlende Empathie sei eine der wichtigsten Ursachen für Folter und schlechte Haftbedingungen. Das hätten Dänemark und Grönland erkannt: Nur dort habe er als UNO-Sonderberichterstatter keine Folter vorgefunden und gleichzeitig "die mit Abstand besten Haftbedingungen", sagt der Menschenrechtsexperte. "Dänemark hat das Prinzip der Normalisierung, das heißt, sie sagen "Wir wollen die Leute in der Haft nicht so schlecht wie möglich, sondern so gut wie möglich behandeln" - sie sollen dort eine Situation vorfinden, wo sie zwar ihrer persönlichen Freiheit beraubt sind, aber wo das Leben hinter Gittern, so möglichst ähnlich ist wie außerhalb, um dann auch eine viel geringere Rückfallquote zu haben. Das heißt, die Menschen können sich dort in den Gefängnissen frei bewegen, sie haben Arbeitsmöglichkeiten, sie haben Freizeitmöglichkeiten und so weiter. Und das ist natürlich auch ein Grund, der dazu beiträgt, dass es viel weniger Gewalt gibt und auch nicht Folterungen." 

Laut Nowak wird Folter weltweit vor allem deshalb weiter angewandt, weil sie im Verborgenen stattfinden kann. Darum sollten Haftorte regelmäßig von unabhängigen Menschenrechtsbeobachtern besucht werden. Außerdem fordert der Jurist für jeden Staat eine unabhängige Behörde, die Folterbeschwerden annehmen, untersuchen und anklagen kann. Denn leider blieben diese brutalen Gewaltverbrechen sehr oft ungestraft oder würden zu milde geahndet.  

Manfred Nowak ist überzeugt, dass Folter weltweit ausgerottet werden kann: Wenn es politisch und auch von den Bürgern gewollt ist. Nach den erschreckenden Informationen und Bildern, die dieses Buch vermittelt, stellt sich allerdings die Frage, ob sich das so leicht erreichen lässt.   

www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1787899/ 

http://human-rights.univie.ac.at  

MANFRED NOWAK (60) ist Professor für Menschenrechte an der Universität Wien und Leiter des Boltzmann- Instituts für Menschenrechte. Bis Ende Oktober noch ist er UN-Sonderberichterstatter für Folter. Nachfolger wird der Argentinier Juan Mendez. 

derstandard.at/1287099829248/Manfred-Nowak-im-Interview-Menschenrechtsschutz-der-UNO-in-grosse

 

http://youtu.be/5r-C1LFU5Yg